XEYOS TRÄNEN

(Yden-Reihe 1) 

Roman

 

 

Der Glaube, dass unsere Vorfahren von einem anderen Stern stammen, besteht schon sehr lange. Selbstverständlich kann man diese Theorie als Spinnerei abtun. Was aber, wenn tatsächlich außerirdische Lebewesen dafür verantwortlich sind, dass sich der Mensch zu einem intelligenten Geschöpf entwickelt hat, welches nicht mehr ausschließlich auf die eigenen Instinkte und Erfahrungen angewiesen ist?

 

„Xeyos Tränen“ ist eine fantastische Geschichte, die ein Vater seiner kranken Tochter erzählt, um sie zu unterhalten und aufzumuntern.

 

Zum Inhalt

 

Die Yden - eine Spezies, die von ihren Schöpfern mit großer Intelligenz, einer Fülle mentaler Fähigkeiten und grenzenloser Regenerationsfähigkeit ausgestattet wurden – leben zunächst glücklich und zufrieden auf einem Planeten, der ‚Roter Garten‘ genannt wird. Da sie praktisch unsterblich sind, sehen sie sich nach einiger Zeit aufgrund ihrer stetig größer werdenden Zahl gezwungen, nach neuen Lebensräumen zu suchen.

Ein infrage kommender Planet ist schnell gefunden. Allerdings warten im ‚Blauen Garten‘ einige Probleme auf sie, die zunächst gelöst werden wollen.

Textauszug:

 

Prolog

 

„Erzähl mir eine Geschichte Dad.“ Yza war sechszehn und somit kein kleines Mädchen mehr, dem man vor dem Schlafengehen noch ein Märchen erzählte. Aber sie liebte es, der Stimme ihres Vaters zu lauschen, denn die war tief und wohltönend, was ihr stets ein Gefühl absoluter Geborgenheit vermittelte.

„Was willst du denn hören, Liebling?“ Bryan setzte sich in den bequemen Sessel, der gleich neben dem Bett seiner Tochter stand, und lächelte sie liebevoll an.

„Etwas Schönes“, erwiderte sie leise. „Etwas, was mich vergessen lässt, dass ich jeden Tag schwächer werde.“

Yza war krank. Todkrank, um genau zu sein. Und da man im Krankenhaus nichts mehr für sie tun konnte, hatten ihre Eltern und ihre Geschwister einstimmig entschieden, dass sie die Zeit, die ihr noch blieb, zu Hause im Kreise ihrer Familie verbringen sollte.

„OK, Schatz.“ Bryan lehnte sich entspannt zurück, denn er dachte nicht daran, sich kurz zu fassen. Ganz im Gegenteil wollte er noch so oft und so lange wie möglich mit seiner Jüngsten zusammen sein. Auch wenn er noch nie besonders gut darin gewesen war, sich Geschichten auszudenken oder gar aufzuschreiben, hatte er sich in den vergangenen zwölf Tagen einige lustige Sachen einfallen lassen, um sie abzulenken und zum Lächeln zu bringen. Doch für heute hatte er sich etwas überlegt, was ihr möglicherweise einen Teil ihrer Angst vor dem unausweichlichen Ende nehmen konnte. Er selbst hielt sich nicht für besonders gläubig, war aber dennoch der festen Überzeugung, dass das Universum keine Seele verloren gab, sondern an einen Ort zurückführte, an welchem sie Frieden und Versöhnung mit dem eigenen Schicksal finden konnte. Allein darum war er jetzt sehr gefasst und in der Lage, so zu tun, als stünde Yza auf der Schwelle zu einem neuen Leben. „Heute will ich dich in eine Welt entführen, die dir gefallen wird“, begann er. „Schließe die Augen und hör zu.“

 

 

01 - Erwachen

 

Zu einer Zeit, als noch kein Pulsschlag die eisige Finsternis des Universums störte, erwachten zwei aus purer Energie bestehende Wesen, die über eine logisch funktionierende Intelligenz und enorme mentale Fähigkeiten verfügten.

Das erste Geschöpf, welches sich selbst Ydur nannte, erzeugte anfangs bei jedem Gedanken nur einige wenige Lichtpunkte, welche seine Umgebung kurzzeitig erhellten und dadurch einen Raum offenbarten, der grenzenlos und auf den ersten Blick vollkommen leer schien. Doch mit der Zeit wurde daraus eine dauerhaft leuchtende Aura, deren Leuchtkraft beständig zunahm, je intensiver sich Ydur mit Fragen beschäftigte, die nicht nur seine Existenz betrafen. Und so erkannte das Wesen schließlich, dass es inmitten einer endlos erscheinenden Staubwolke weilte, in der sich nichts regte, solange es selbst keinen Versuch machte, irgendetwas verändern zu wollen. Also begann es zu experimentieren und stellte dabei fest, dass es anhand seines bloßen Willens nicht nur die einzelnen Staubpartikel in Bewegung bringen konnte, sondern auch imstande war, diese in eine bestimmte Richtung zu lenken oder auf der Stelle innehalten zu lassen. Zudem fand es heraus, dass die einzelnen Teilchen keineswegs gleich waren. Dieser Erkenntnis folgend begann es damit, seine Umgebung intensiv zu erforschen und gewann dadurch das Wissen, dass in seiner Umgebung viele verschiedene Elemente zu finden waren, die man durchaus miteinander verbinden und so Neues erschaffen konnte.

Ydurs Experimente hatten zur Folge, dass hin und wieder auch organisches Leben entstand. Allerdings existierten diese Schöpfungen nur kurze Zeit, denn die unbarmherzige Kälte des Raumes ließ sie relativ schnell wieder zugrunde gehen.

Das zweite Wesen nannte sich Enai. Es konnte zwar selbst kein Licht erzeugen, nahm die Gegebenheiten seines Existenzbereiches aber so deutlich wahr, als gäbe es keine Dunkelheit. Zudem verströmte es mit jedem Gedankenimpuls Wärme, die seine unmittelbare Umgebung beeinflusste.

Mental genauso umfangreich begabt, wie Ydur, nutzte Enai die eigenen Talente anfangs ausschließlich dazu, aus dem kosmischen Staub kompakte Kugeln zu formen, die es Sterne nannte und die es dann so stark erhitzte, dass sie in Brand gerieten und zu rotglühenden Feuerbällen wurden. Allerdings passte bei einigen Sternen die Zusammensetzung ihrer Masse nicht, so dass sie schnell wieder auseinanderfielen, wobei auch ihre Leuchtkraft schwand. Andere hingegen barsten aufgrund ihrer wärmeempfindlichen Anteile in Millionen Stücke, die dann unkontrolliert nach allen Seiten wegschossen. Also dachte das Geschöpf über dieses Problem nach und kam relativ bald zu der Erkenntnis, dass nicht nur eine sorgfältige Auswahl der zu verwendenden Komponenten zu treffen, sondern auch eine bessere Kontrolle seiner Kräfte nötig war, damit die Existenz- und Wirkungsdauer seiner Schöpfungen erhöht wurde.

 

Sowohl Ydur als auch Enai waren zunächst der Meinung, jeder von ihnen sei die einzige, sich seiner selbst bewusste Lebensform inmitten einer Finsternis, die keine Grenzen und schon gar kein Ende aufwies. Als sie schließlich aufeinander aufmerksam wurden, näherten sie sich vorsichtig einander und erkundeten dann voller Neugierde, wie der andere wohl beschaffen und mit welchen Fähigkeiten er ausgestattet sei.

Der Phase des Kennenlernens folgte bald eine Zeit des Vergleichens, wobei beide Geschöpfe erstaunliche Erkenntnisse gewannen. Enais glühende Geschosse konnten von Ydur gezielt gesteuert und letztendlich auch zum Stehen gebracht werden, so dass sie zu Fixpunkten wurden, an welchen man sich orientieren konnte. Die Strahlungswärme, welche diese Sterne an ihre Umgebung abgaben, wirkte sich schon bald auf deren Umgebung aus, was wiederum dazu führte, dass die von Ydur erschaffenen Organismen immer länger existieren konnten. Als dem ersten Geschöpf aufging, dass Wasser eine große Rolle bei seiner Arbeit spielte, begannen es damit, jeden Eisklumpen einzusammeln, den es ausfindig machen konnten, um sein Werk mithilfe der Feuchtigkeit zu verbessern. Dabei regte sich immer öfter etwas Unbekanntes aber sehr Angenehmes in seinem Bewusstsein. Und diese Empfindung benannte es nach einiger Zeit mit ‚Freude‘.

 

Eine Zeitlang machte es Ydur und Enai großes Vergnügen, ihr Können immer wieder unter Beweis zu stellen. Und so füllte ihre beständig anhaltende Lust am Erschaffen das Universum sowohl mit glühenden, hell leuchtenden Sternen, als auch mit Planeten, die zwar ein heißes Inneres aber auch eine feste äußerliche Kruste besaßen. Zudem ergab es sich, dass einige dieser heißen Brocken beim Erkalten Gase absonderten, die am Ende eine Art schützende Hülle bildeten, die den Verlust des gerade erst gesammelten Wassers verhinderten. Dies wiederum führte dazu, dass auf diesen besonderen Planeten eine ungeheure Vielfalt von organischem Leben angesiedelt werden konnte.

 

Es hätte auf immer und ewig so weitergehen können. Doch eines Tages versuchte Enai vergeblich, es Ydur gleitzutun und einen seiner Sterne auf einem bestimmten Punkt anzuhalten. Doch mit jedem gescheiterten Versuch steigerte sich das Wesen in eine unbeherrschte Frustration hinein. Als es seiner grenzenlosen Enttäuschung schließlich Luft machte, vernichtete der von ihm ausgesandte Feuersturm einige Planeten, auf welchen mittlerweile die schönsten und artenreichsten Gärten zu finden waren.

Zutiefst verärgert, weil es meinte, man habe sein Werk absichtlich zerstört, zog sich Ydur daraufhin in einen weit entfernten Teil des Universums zurückzog, um seine Trauer über die Vernichtung zu verarbeiten.

Enai versuchte unterdessen die Zerstörung wiedergutzumachen, denn es war zutiefst entsetzt darüber, was es angerichtet hatte. Da es aber nicht imstande war, alles wieder so zu gestalten, wie es zuvor gewesen war, fühlte es sich bald zutiefst deprimiert. Und weil es sich nun wie ein völlig nutzloses Geschöpf vorkam, streifte er allein durch die unendlichen Weiten des Raumes und fühlte sich alsbald so einsam, dass er am liebsten nicht mehr existieren wollte.

Ydur ging es nicht besser. Dennoch brauchte das Geschöpf eine geraume Zeit, um sich zu einem Entschluss durchzuringen. Als es sich schließlich auf die Suche machte und den ehemaligen Spielgefährten voller Selbstverachtung und Todessehnsucht vorfand, wurde es unvermittelt von der Angst überwältigt, in Zukunft und für alle Zeiten wieder ganz allein sein zu müssen.

Ich kann nicht vergessen, was du getan hast.“ Die keineswegs angriffslustig klingende Botschaft in gewohnter Weise an sein Gegenüber sendend, ließ Ydur seine Aura gleichzeitig ein wenig dunkler erscheinen, denn es wollte damit zusätzlich betonen, dass es immer noch enttäuscht war. „Aber ich verzeihe dir, weil ich sehe, dass du dein Tun bereust.

Ja“, bestätigte Enai. „Es tut mir wirklich sehr leid. Ich wollte sein wie du. Aber jetzt weiß ich, dass das nicht möglich ist, weil jeder von uns ein einzigartiges Individuum ist.

Wir sollten nicht länger ohne Plan vorgehen“, schlug Ydur daraufhin im versöhnlichen Tonfall vor. „Es wäre viel klüger, wenn wir uns auf ein bestimmtes Ziel konzentrieren und etwas schaffen würden, woran wir uns lange Zeit gemeinsam erfreuen können. Na, was denkst du?

Es gibt nichts, was meine zerstörerische Kraft erschaffen könnte“, erwiderte Enai immer noch traurig. „Ich bin zu nichts nütze.

Du hast offenbar nur wenig gelernt, seit wir uns kennen“, stellte Ydur fest. „Wenn du nämlich besser aufgepasst hättest, wäre dir längst aufgefallen, dass wir eigentlich zusammengehören. Wir sind im Grunde zwei Teile einer Einheit, die nur als Ganzes einen Sinn macht. Ich kann ohne Wärme nichts wachsen lassen, weil ich das Eis nicht wegtauen und die ewige Kälte nicht verscheuchen kann. Und du brauchst mein Licht, damit du siehst, was du wärmen aber nicht verbrennen sollst.

Darauf hatte Enai keine Erwiderung parat. Und da es ohnehin nichts Besseres vorhatte, ließ es sich auf den Vorschlag Ydurs ein. Also verschmolzen die beiden zu einem einzigen Ganzen, wobei sie zu einer sengend heißen und grell gleisenden Lichtgestalt wurden, deren Glanz für einen Augenblick selbst die entferntesten Winkel des Universums erreichte. Dabei geschah auch noch etwas anderes, doch das sollten sie erst später erkennen.

 

Einer Feuerwalze gleich, die mit rasender Geschwindigkeit durch die Finsternis raste, ließen sich die Gefährten eine lange Zeit sorglos dahintreiben. Als ihnen jedoch bewusstwurde, dass sie durch ihre Verschmelzung und den damit einhergehenden Zusammenschluss ihrer Kräfte zu einem infernalischen Todessturm geworden waren, der alles zerstörte, was auch immer ihm in den Weg geriet, erschraken sie sehr. Daher riet Ydur, dass sie fortan an Ort und Stelle stehen bleiben sollten, damit nichts und niemand mehr Schaden durch sie nähme. Gleichzeitig besann es sich auf seine ursprüngliche Absicht und schuf dann mit seinem Gefährten mehrere große Feuersterne, welche weit heller leuchteten und dabei viel mehr Wärme verströmten als alle Sterne vor ihnen.

Wir wollen sie Sonnen nennen“, schlug es vor. „Jede von ihnen soll zum Zentrum einer Planetengruppe werden, die wir zu Gärten machen können.

Ja, das machen wir“, stimmte Enai voller Vorfreude zu. „Vielleicht kannst du dann …“

Wir können alles tun, was uns gerade einfällt“, unterbrach Ydur, wohl wissend, was Enai gerade dachte. „Ist dir denn nicht aufgefallen, dass wir uns seit unserer Verschmelzung verändert haben?

Enai verstand zunächst nicht. Doch dann ging ihm auf, was Ydur meinte.

Wir sind ein Geschöpf, das alle Kräfte in sich vereint“, stellte es verwundert fest.

Ganz genau“, bestätigte Ydur. „Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen uns, denn wir sind jetzt eine untrennbare Einheit.

 

In der Folgezeit entstanden neue Welten, die, angefüllt mit den verschiedenartigsten Kreaturen, den Geist der Gefährten erfreuten und zu ständig neuen Aufgaben ermutigten. Doch trotz aller Schaffensfreude fühlten sie immer öfter eine seltsame Leere in sich, die sie sich zunächst nicht erklären konnten. Doch dann ging ihnen auf, dass sie immer noch das einzig intelligente Wesen waren, inmitten eines zwar artenreich ausgestatteten aber allein von Instinkten gesteuerten Universums. Diese Erkenntnis wiederum führte zu der Frage, wozu sie sich überhaupt so viel Mühe gemacht hatten, wo doch keines der primitiven Lebewesen ihr Werk wirklich bewunderte oder gar um dessen Fortbestand bemüht war.

Auch wir sollten Nachkommen haben‘, erklärte Ydur eines Tages. „Wenn wir einen kleinen Teil von uns selbst opfern, werden daraus bestimmt ein paar neue Wesen entstehen, die sowohl unsere Fähigkeiten als auch unser Wissen in sich vereinen. Und die können uns dann helfen, die Gärten zu pflegen, die wir bisher angelegt haben. Vielleicht haben sie auch Freude daran, selbst neue Gärten anzulegen und mit Leben zu füllen, was bestimmt spannend wird.

Das ist wirklich ein guter Einfall von dir“, stimmte Enai erfreut zu. „Unsere Nachkommen sollen unser Schaffen pflegen und stets mit Vernunft und Fürsorge darüber wachen, dass unsere Schöpfungen erhalten bleiben und der Kreislauf des Lebens nicht gestört wird.

 

*

 

Die Gebun bestanden wie ihre Schöpfer aus reiner Energie. Sie waren mit umfassenden mentalen Kräften ausgestattet, hatten jedoch wesentlich weniger Macht. Auch wurden sie mit eigenen Namen versehen, damit man sie unterscheiden konnte. Sie existierten und wirkten zunächst nach den Regeln, die man für sie erstellt hatte. Allerdings dauerte es nicht lange, bis sie untereinander Streit anfingen, weil jedes Wesen bedeutender sein wollte, als alle anderen.

 

Ydur und Enai, die nach wie vor über allen anderen Geschöpfen standen, also die höchste Macht im Universum verkörperten, sahen sich den Zwist unter ihren Nachkommen eine Weile tatenlos an. Als es jedoch so schlimm wurde, dass die Gebun sogar bereit schienen Gewalt gegen ihren jeweiligen Gegner anzuwenden, was einen gigantischen, alles zerstörenden Energiesturm und somit auch einen empfindlichen Verlust von Lebensenergie ausgelöst hätte, schritten sie ein. Und so wurde jedes Gebun in einen bestimmten Teil des Universums verbannt, wo es so lange alleine an seinem ihm bestimmten Platz bleiben sollte, bis es vollständig von Egoismus und Rücksichtslosigkeit frei war. Damit es jedoch nicht vor lauter Langeweile auf dumme Gedanken kämen oder gar den Sinn seiner Bestrafung vergäße, sollte es anhand seiner Arbeit beweisen, dass er tatsächlich willens war, die Schöpfung seiner Erzeuger nicht nur zu bewahren, sondern auch selbst weiter zu entwickeln und somit zu bereichern.

 

Die Gebun lehnten sich zunächst mit allen Mitteln gegen ihre Schöpfer auf. Als jedoch ersichtlich wurde, dass ihre Kräfte nicht ausreichten, um den Bann zu überwinden, der sie an Ort und Stelle fesselte, gab sich eines nach dem anderen geschlagen. Nichtsdestotrotz gärten in einigen der Zorn weiter, was dazu führte, dass diese Gebun keine friedvolle und bunte, sondern schattenreiche und wilde Gärten schufen, die sie mit ebensolchen Kreaturen füllten.

 

 

02 - Die Yden

 

Eotan war eine vielfältig ausgestattete, klimatisch und geologisch ausgewogene Welt, die sich inmitten eines Haufens anderer, noch nicht gestalteter Planeten um einen riesigen Feuerball drehte. Dieses Sonnensystem und der darin befindliche ‚Rote Garten‘ gehörten Gebun Rye, einem Wesen mit vielen positiven aber auch einigen negativen Eigenschaften.

Eingedenk der Tatsache, dass das Wohlwollen seiner Erwecker allein davon abhing, wie die gestellte Aufgabe bewältigt wurde, hegte und pflegte Rye das ihm anvertraute Gebiet mit aufopferungsvoller Aufmerksamkeit. Doch hin und wieder wurde er von einem selbstgerechten Zorn heimgesucht, angesichts der vermeintlichen Ungerechtigkeit seitens seiner Erwecker, so dass er in Raserei geriet und vieles wieder zunichtemachte. Als ihm jedoch aufging, dass er damit nicht nur die Grundschöpfungen der Höchsten Macht, sondern auch seine eigene Rückkehr zu Seinesgleichen ernsthaft gefährdete, erkannte er endlich, was genau ihm fehlte. Er und die anderen Gebun waren sehr gesellige Geschöpfe, die das Alleinsein nicht lange ertragen konnten. Da er nun aber zwangsweise zum Einsiedler gemacht worden war, gab es nur eine Möglichkeit für Abhilfe zu sorgen. Er musste sich einen intelligenten Ersatz schaffen, bevor ihn der Wahnsinn vollends übermannte!

 

Rye selbst war weder richtig greifbar noch wirklich sichtbar. Da er aber seine Ersatzgefährten nicht nur spüren oder bloß deren Gedanken hören wollte, formte er aus Wasser und dem Staub seines Roten Gartens zwei Geschöpfe, die er sowohl mit hoher Intelligenz als auch mit Kräften ausstatten wollte, die den seinen ähnlich waren. Sie sollten verschiedene Wahrnehmungssinne haben, damit sie ihre Umwelt auf ganz unterschiedliche Weise erkunden konnten, um durch Erfahrungen zu lernen. Zudem sollte ihre Dualität sicherstellen, dass keines von ihnen an Einsamkeit leiden musste, wenn er selbst mal anderweitig beschäftigt war. Das erste Geschöpf sollte groß und stark sein. Das zweite hingegen sollte etwas feingliedriger wirken, weil er einen sichtbaren Unterschied haben wollte, um sie besser auseinanderhalten zu können.

Sobald sein Werk vollbracht war, blies Rye den beiden Staubwesen Leben ein. Dabei verlieh er ihnen nicht nur große Intelligenz und umfangreiche mentale Fähigkeiten, sondern auch grenzenloses Regenerationsvermögen, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein. Danach überlegte er lange, welche Bezeichnung er ihnen geben sollte, und benannte sie schließlich als Yden. Das bedeutete in seiner Sprache Kinder des Feuerlichtes und stellte zugleich eine Verschmelzung der beiden allerersten Namen im Universum dar. Danach gab er ihnen individuelle Rufnamen.

 

Vyane und Xeyo waren sehr hoch gewachsene, aufrecht gehende Geschöpfe mit wohl proportionierten Körpern, langen silbrig glänzenden Haaren und hellen Augen. Ihre Haut schimmerte in einem hellen Alabasterton, wurde jedoch bei starker Erregung oder tiefer Konzentration um einige Nuancen dunkler. Gleichzeitig zeigten sich dann auf der gesamten Körperoberfläche rote, eigentümlich anmutende Zeichen, was zum einen als Identitätsmerkmal und zum anderen als ein Zeichen von emotionaler Erregung oder großer Anstrengung gewertet werden konnte. Allein ihre selbstbewusste Eigenständigkeit verärgerte ihren Erschaffer zunächst so sehr, dass er schon drauf und dran war, sie wieder zu Staub zu zermalmen. Doch dann ging ihm auf, dass sie sich im Grunde nicht anders verhielten, als er selbst es getan hatte, bevor er in die Verbannung geschickt worden war. Und da sie sich nicht wirklich respektlos verhielten, ließ er sie gehen, damit sie sich aus eigener Kraft weiterentwickelten. Selbst ihre Versuche, weiterhin mit ihm zu kommunizieren, blockte er zunächst ab. Als er jedoch begriff, dass er nun wieder genauso isoliert und einsam war, wie zuvor, gab er sein stures Verhalten auf.

 

*

 

Das erste Yden-Paar brauchte nicht lange, um zu erkennen, dass es mehr Unterschiede zwischen ihnen gab, als man auf den ersten Blick erkennen konnte. Mit ihrem Äußeren hatte dies jedoch nicht unbedingt zu tun, denn ihre Erscheinung war, abgesehen von Körpergröße und Kraft identisch. Dennoch stuften sie sich alsbald selbst als weiblich oder männlich ein, denn die Geschöpfe in ihrer Umwelt wurden ja auch in diese Kategorien unterteilt. Die einzig niederschmetternde Erkenntnis war, dass sie offenbar keine Fortpflanzungsorgane besaßen und darum die einzigen Exemplare ihrer Spezies bleiben würden.

Das war natürlich ein Irrtum, denn Rye war ein Perfektionist. Und da er nicht gewollt hatte, dass sich seine Ersatzgefährten wie Tiere vermehrten, sollte ihre Reproduktion anders vonstattengehen. Aus diesem Grund gab es im Bereich der untersten Spitze ihres Brustbeins ein winziges Knötchen, das zunächst keine Beachtung fand, weil es in keinster Weise störte. Erst nach vielen Jahren begann dieses vermeintliche Geschwür in regelmäßigen Abständen anzuschwellen und eine kleine Menge zäh wirkender Flüssigkeit abzusondern.

Vyane und Xeyo waren zunächst ratlos, machten sich dann aber keine weiteren Gedanken darüber, weil es ja nach wie vor nicht wehtat und auch nicht störte. Als es dann zufällig geschah, dass dieser Vorgang bei beiden gleichzeitig eintrat und ihre Sekrete sich vermischten, entstand daraus ein organischer Körper, der innerhalb kürzester Zeit zu einem Geschöpf heranwuchs, welches ihnen zum Verwechseln ähnlich war. Weil es jedoch weder einen Herzschlag aufwies, noch atmen wollte, war das erste Yden-Paar sehr enttäuschte.

Ihr müsst ihm Leben einhauchen und sein Herz zum Schlagen bringen, damit er hernach von euch lernen kann, warum er ins Leben gerufen wurde“, empfahl Rye. „Zögert nicht, denn es bleibt euch wenig Zeit, bis er wieder zerfällt.

Und so erweckte das erste Yden-Paar ihren ersten Nachkommen. Diesem folgten nach einer gewissen Zeit weitere Individuen, die dann auf gleiche Weise Nachwuchs hervorbrachten. Dabei sorgten sie mithilfe ihres eigenen Atems nicht nur dafür, dass ein neues Leben begann. Sie gaben dabei auch ihre Fähigkeiten weiter. Der einzige Unterschied bestand darin, dass die Yden der nachfolgenden Generationen die mentalen Gaben von Vyane und Xeyo als einzelne Talente und meist in abgeschwächter Form besaßen.

 

*

 

Aufgrund ihrer eigenen Fähigkeiten und den idealen Umweltbedingungen ging es den Yden sehr gut. Ihre Häuser waren so stabil, dass sie nur alle tausend Jahre erneuert werden mussten. Und die Natur produzierte über das gesamte Jahr hinweg so viel Nahrhaftes, dass eine Vorsorge für schlechte Zeiten nie in Betracht gezogen werden musste. Verletzungen heilten von selbst und verlorene Gliedmaßen wuchsen nach. Allein die Herstellung ihrer Kleidung löste so manchen Wettbewerb unter den Yden aus, denn jeder wollte etwas Besonderes haben, das er vorzeigen konnte. Zudem stellte die Suche nach dem seltenen und meist im sehr unwegsamen Gelände wachsenden Flachs eine höchst willkommene, weil aufregende Abwechslung dar, die man gerne mit einem Fest abschloss. Die glänzenden, violett schimmernde Fasern, die man aus den langen, dünnen Ästen der Sträucher gewann, ließen sich gut zu Fäden verspinnen, die man anschließend zu Stoffen verwob, die so leicht waren, dass man sie kaum auf der Haut spürte. Selbstverständlich wäre es möglich gewesen, das begehrte Rohmaterial von den so genannten Suchern und Transporteuren herbeischaffen zu lassen. Da die hypervisuell und telekinetisch begabten Yden aber für wichtigere Unternehmungen gebraucht wurden, blieb es jedem selbst überantwortet, die Dinge für sein leibliches Wohl zu besorgen oder eigenhändig zu produzieren.

Allein die Kommunikation mit Rye blieb dem Dyonaten-Paar, also den ersten Yden vorbehalten, denn nur Vyane und Xeyo konnten die machtvolle Stimme ihres Schöpfers vernehmen, ohne Schaden zu erleiden.

 

Je mehr Köpfe das Yden-Volk aufwies, umso weiter breiteten sich die Yden auf Eotan aus. Dabei wanderten sie zumeist in Gruppen weiter, um immer wieder neue Gemeinschaften zu gründen. Und da sie sich immer weiter vom Dyonaten-Sitz entfernten, wollten sie bald jemanden in ihrer Mitte haben, der nach wie vor für Recht und Ordnung sorgen sollte. Also wählten sie ihr jeweils hochrangigstes Mitglied zu ihrem Anführer, den sie ‚Senator‘ nannten – unabhängig davon, ob es sich um eine Yden-Frau oder einen Yden-Mann handelte. Es dauerte auch nicht lange, bis man die Gemeinschaften nach ihren Anführern benannte, um die Verbände voneinander unterscheiden zu können.

Die Kommunikation untereinander funktionierte dennoch sehr gut, denn die meisten waren hoch begabte Telepathen, die sich selbst über große Distanzen hinweg verständigen konnten. Nur die persönlichen Kontakte wurden seltener, je weiter die Betroffenen voneinander entfernt waren. Doch dann stellte man fest, dass eine Reise nicht nur körperliche Anstrengung erforderte, sondern auch viele interessante Eindrücke mit sich brachte, so dass immer mehr Yden ihren Alltagstrott für einige Zeit hinter sich ließen, um Eotan zu erkunden und Neues zu erleben.

 

*

 

Wayonis, der dritte von Xeyo erweckte Yden-Mann, war der erste, der auf die Idee kam, dass man einen Coriut vielleicht als Lasttier nutzen könnte, um sich selbst das Tragen der piekenden Flachsgebinde zu erleichtern. Wie man die kräftigen aber äußerst scheuen Vierbeiner, die oftmals eine Schulterhöhe von vier Meter erreichten, dazu bringen sollte, zu gehorchen, war ihm anfangs noch nicht ganz klar. Er hoffte jedoch, dass man mit Geduld und nicht nachlassender Beharrlichkeit mehr erreichen konnte, als durch mentale und somit gewaltsame Kontrolle des animalischen Bewusstseins. Als es ihm dann tatsächlich gelang, einen Coriut einzufangen und an seine ständige Anwesenheit zu gewöhnen, wurde dies zunächst bloß belächelt, denn es wusste ja noch keiner, was er eigentlich vorhatte. Sobald er jedoch mit einem vollbepackten Tier zu seiner Gefährtin zurückkam, hörten die spöttischen Bemerkungen schlagartig auf. Er hingegen dachte schon über eine weitere Verwendung der Tiere nach, wobei er schnell darauf kam, dass deren enorme Kraft durchaus ausreichte, um einen erwachsenen Yden zu tragen. Zudem entdeckte seine Gefährtin Alyana recht bald, dass die feinen aber relativ langen Haare, die sich aus dem Fell des Coriuts lösten, sobald man darüberstrich, hervorragend dazu eigneten, versponnen und zu neuen Stoffen verwebt zu werden.

Unterdessen widmete sich Sodyan, der zweite von Xeyo erweckte Yden-Mann völlig anders gearteten Herausforderungen. In seinem Kopf schwirrten nämlich unzählige Ideen von hilfreichen Vorrichtungen herum, die den Alltag des Volkes noch angenehmer machen könnten. Allerdings vermochte er seine Fantasien nicht so aufzuzeichnen, dass es von anderen nachvollziehbar gewesen wäre, da ihm das Talent dazu fehlte. Daher ließ er die Konstruktionspläne von Leonyd, dem elften von Xeyo erweckten Yden-Mann, auf eine Schiefertafel bannen, bevor er anhand seiner mentalen Gabe die benötigten Materialien zusammentrug. Nun, große Geduld war nicht Sodyans Stärke. Daher brauchte es einen weiteren Helfer, der ihn bei der Vollendung unterstützen sollte.

Cotany, Nachkomme von Nyod, dem vierten von Xeyo erweckten Yden-Mann, war zunächst wenig begeistert über die Ehre, die ihm widerfuhr. Da er aber ein allseits geachteter Baumeister war, stimmte er schließlich mangels glaubwürdiger Ausrede zu. Allein die Tatsache, dass Leonyd mit von der Partie war, versöhnte ihn ein bisschen, denn er verehrte den gebildeten und gerechten Yden-Mann mehr als seinen eigenen Erzeuger.

 

Der Wissensdurst und die Experimentierfreude der Yden schien kein Ende nehmen zu wollen. Entsprechend viele Erkenntnisse und Errungenschaften wurden gewonnen und für alle zugänglich gemacht. Die Weiterentwicklung einzelner Erfindungen erfolgte nicht selten aus purer Langeweile oder aufgrund der Frage, wie man ein bestimmtes Problem lösen könnte.

Einer dieser Impulse war der Wunsch, Energiequellen zu finden, die jederzeit und ohne eigene mentale Anstrengung für ausreichend Licht und Wärme sorgten, damit man sich von primitiven Lampen und rußenden Öfen verabschieden konnte. Dabei kam man relativ schnell zu der Erkenntnis, dass man die natürliche Elektrizität, die bei Gewittern entstand und sich in Form von Blitzen entlud, durchaus auch selbst herstellen und kontrollieren konnte. Und so entstanden bald Wind- und Wasserkraftanlagen, die immer größere Ausmaße annahmen, je mehr elektrischer Strom verlangt wurde. Am Ende baute man riesige Kernkraftanlagen, um den stetig wachsenden Bedarf zu decken, denn diese schienen weit effizienter zu sein, als alle anderen Energieproduzenten.

Eine andere Eingebung führte dazu, dass man Transportmittel entwickelte, um noch schneller und bequemer zu den Yden zu gelangen, die auf der Suche nach einem schöneren Zuhause weggezogen waren. Der Kutsche, die von einem Coriut-Gespann über mehr oder weniger ebene Wege zu den jeweiligen Zielen gezogen wurde, folgte irgendwann ein leichter Segler, der allein durch den Willen seines Lenkers in die Luft gehoben und dann von den Winden davongetragen wurde. Diese wiederum wurden schon bald durch neue Fluggeräte ersetzt, die mehrere Leute befördern konnten. Die aerodynamischen Gleiter wurden schließlich als das Transportmittel der ersten Wahl angesehen, wenn man schnell von einem Ort zum anderen wollte, denn diese Art des Reisens war unabhängig von Straßen und zudem viel schneller. Es brauchte auch nicht viel, um die einfach konstruierten Flieger in Betrieb zu nehmen. Der Ondor, also ein Yde mit außergewöhnlich stark ausgeprägten telekinetischen Kräften musste bloß genügend Konzentration aufbringen, um das beladene Fluggerät von der Oberfläche abheben und in eine bestimmte Richtung schweben zu lassen. Das einzige Problem bestand darin, dass es nur eine begrenzte Anzahl von Ondore gab, die fähig waren, ihre Kräfte über längere Zeitspannen hinweg wirken zu lassen. Zudem brauchten diese Yden eine ausreichend lange Regenerationszeit und eine spezielle Ernährung, was ihren Einsatz nur in gewissen Abständen möglich machte. Also sann man auf Abhilfe und entdeckte dabei ein Phänomen, das man sogleich zu nutzen wusste. Setzten sich nämlich mehrere, besonders mächtige Ondore bewusst in einem Zirkel zusammen, um ein Fluggerät zu bewegen, schienen sich ihre Kräfte zu bündeln, so dass selbst große Objekte über weite Entfernungen bewegt werden konnten. Dabei wurde auch offenbart, dass sie bei ihrem zielgerichteten Zusammenwirken weit weniger Energie verbrauchten und darum auch schneller wieder einsatzbereit waren. Um sie besser von den anderen Telekineten unterscheiden zu können, gab man ihnen den Namenszusatz ‚Tax‘.

Als Wayonis schließlich ein vom Yden-Willen und Wind unabhängiges Antriebssystem erfand, welches per elektrischer Energie betrieben werden konnte, wurde das Fliegen noch schneller und die Fluggeräte immer größer. Und so entwickelte sich die Technologie auch in anderen Bereichen immer weiter. Manchmal gab es Erfindungen, die zum Wohle des Volkes eingesetzt werden konnten. Doch oft genug stellte sich nach einiger Zeit heraus, dass die vermeintlich gute Neuerung völlig überflüssig, im Grunde sogar schlecht war, weil durch sie Arbeiten entfielen, die ehedem ein befriedigender Bestandteil des täglichen Lebens gewesen waren. Darum wurden diese Neuheiten wieder aufgegeben, denn Langeweile war etwas, was niemandem wirklich guttat.

 

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