Die zweite Chance

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Wahre Liebe kennt weder Bedingungen noch Grenzen. Und wenn die

Seele leidet, ist sie manchmal der einzige Lichtschimmer in der Dunkelheit.

Raphaela müsste sich eigentlich über ihre Beförderung freuen, denn die bringt nicht nur ein besseres Gehalt sondern auch Aufgaben mit sich, die weit interessanter sind, als ihre bisherige Tätigkeit. Doch da sind nicht nur ihrer besitzergreifende Mutter, die ihr kaum persönlichen Freiraum lässt, sondern auch die missgünstigen Kolleginnen, die ihr das Leben schwer machen. Zudem wird sie von seltsamen Träumen geplagt, die sie sehr verunsichern, weil diese im späten sechzehnten Jahrhundert, also in einer Zeitepoche angesiedelt sind, mit der sie sich noch nie auseinandergesetzt hat. Als ihr schließlich Adrian begegnet, beginnt sie an ihrem Verstand zu zweifeln, denn sie kennt den charismatischen Mann aus ihren Träumen. Psychisch am Ende, zieht sie sich in ein selbst erschaffenes, scheinbar absolut sicheres Asyl zurück. Allerdings kommt sie auch in ihrer imaginären Welt nicht zur Ruhe, denn da steht plötzlich die Anklage im Raum, sie sei eine Hexe, die auf dem Scheiterhaufen brennen müsse.

Taschenbuch / 416 Seiten
Print-Book - ISBN: 978-3-7450-0108-2
E-Book - ISBN: 978-3-7450-0112-9
 

Textauszug 

 

1



Die Kälte des Januarmorgens schien trotz des dicken Mantels und der warmen Kleidung darunter bis zu Raphaelas Knochen vordringen zu wollen. Und die Tatsache, dass ihr Bus selbst fünf Minuten nach der normalen Abfahrtzeit noch nicht in Sicht war, machte sie ärgerlich. Warum konnte das blöde Ding nicht ein einziges Mal pünktlich kommen, fragte sie sich genervt.

Endlich kam das lange Gefährt in Sicht und blieb dann leicht schlitternd an der Haltestelle stehen. Man hatte am frühen Morgen einen Streuwagen losgeschickt, doch die Fahrbahnen waren nach wie vor tückisch, weil man Salz statt Splitt gestreut hatte, so dass die Schneedecke nur oberflächlich angetaut war und nun einen sehr rutschigen Untergrund abgab.
Nachdem sich eine ältere Frau und ein gehbehinderter Mann in das Fahrzeug geschoben hatten, stieg auch Raphaela ein. Den Schal abwickelnd und den Mantel aufknöpfend, sah sie sich um. Dabei grüßte sie die eine oder andere vom Sehen bekannte Person durch ein leichtes Kopfnicken. Anschließend blickte sie aus dem Fenster, obwohl dort nur hohe, grau wirkende Wohnblocks zu sehen waren. Die Lippen fest aufeinander gepresst, erinnerte sie sich nun wieder an die unerfreuliche Diskussion mit ihrer Mutter, die beim Frühstück geführt worden war. Als ihr jedoch bewusst wurde, dass sie schon wieder auf dem besten Weg war, sich die Laune für den gesamten Tag zu verderben, zwang sie ihre Gedanken in andere Bahnen. Sie würde sich nun endgültig um eine eigene Wohnung kümmern, nahm sie sich vor. Ihre Mutter bezog eine sehr gute Witwenrente, war also nicht auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Und sie selbst verdiente jetzt auch genug, um sich auf eigene Beine stellen zu können. Ja, ein bisschen Abstand würde ihnen beiden gut tun, denn solange sie sich als stets verfügbare Gesellschafterin und allzeit auf Abruf stehende Haushalts- und Einkaufshilfe ausnutzen ließ, würde sich ihre Mutter nie ändern. Besser gesagt: Sie würde im Laufe der Zeit wahrscheinlich immer wehleidiger und noch phlegmatischer werden, als sie ohnehin schon war. Nein, das durfte man nicht zulassen. Schon sich selbst zuliebe nicht! Sie wollte ja schließlich nicht zum Einsiedler werden, der keinerlei soziale Kontakte mehr pflegen konnte, nur weil ihre Mutter sich einbildete, keinen Tag und schon gar keinen Abend ohne die Tochter auskommen zu können!
Als sie durch einen anderen Fahrgast versehentlich getreten und somit aus ihren Gedanken gerissen wurde, registrierte Raphaela, dass sie an ihrem Ziel angelangt war. Also schob sie sich umgehend zum Ausstieg des Busses.

Dem Geschäftsgebäude entgegen hastend, welches zu einer europaweit bekannten Speditionsfirma gehörte, und in dem sie schon als Auszubildende gearbeitet hatte, versuchte Raphaela, sich vorzustellen, wie es wohl sein würde, nach Dienstschluss in die eigenen vier Wände zurückzukehren, wo niemand auf ihr herumhackte oder ihre Freizeit beschnitt. Und da dieser Gedanke sehr schön war, begann sie unvermittelt zu lächeln. Allerdings kehrten ihre Mundwinkel schnell wieder in ihre ursprüngliche Position zurück, als sie beim Betreten des Großraumbüros bemerkte, dass ihre Kolleginnen bereits alle an ihren Schreibtischen saßen.
„Der Alte hat dich schon gesucht“, zischte ihr Verena zu, sobald sie an deren Schreibtisch vorbeikam.
Die Angesprochene indes nickte nur mit dem Kopf, um anzuzeigen, dass sie die Worte gehört hatte. Gleichzeitig schlüpfte sie aus ihrem Mantel und beeilte sich nun noch mehr, an ihren eigenen Arbeitsplatz zu kommen. Dort hängte sie das Kleidungsstück über die Lehne ihres Stuhles und startete sogleich ihren PC. Als sie schließlich saß, streifte sie die gefütterten Stiefel von den Füßen, um mit den Zehen nach ihren Ballerinas zu angeln, die sie unter ihrem Schreibtisch bereit hielt, um nicht den ganzen Tag in unförmigem Schuhwerk dasitzen oder durchs Büro laufen zu müssen. Doch die leichten Halbschuhe ließen sich nicht auf Anhieb finden. Also bückte sie sich, um nachzuschauen, und fluchte dann unterdrückt. Im hintersten Winkel! So ein Mist! Jetzt musste sie doch wahrhaftig auch noch auf die Knie und wie ein Hund unter den Tisch kriechen!
Ohne weiter auf ihre Umgebung zu achten, ließ sich Raphaela von ihrem Stuhl gleiten, um ihre Schuhe hervor zu holen. Doch hatte sie diese kaum in der Hand, da bemerkte sie die beiden Beinpaare, die jetzt direkt neben ihrem Schreibtisch aufragten, und hätte sich am liebsten unsichtbar gemacht.
„Kann ich Ihnen helfen?“, ertönte nun eine angenehm klingende Männerstimme.
In ihrem Bestreben, so schnell wie möglich wieder eine würdevollere Haltung einzunehmen, beeilte sich die Angesprochene aufzustehen. Dabei stieß sie unsanft mit dem Kopf gegen etwas Hartes. Als sie daraufhin erschrocken aufsah, entdeckte sie ein gut geschnittenes Männergesicht nur wenige Zentimeter von ihrem eigenen entfernt, und fühlte augenblicklich ihre Wangen brennen.
„Ent ... Verzeih ...“, stammelte sie, während sie schuldbewusst zusah, wie sich ihr Gegenüber das Kinn rieb. „Es tut mir furchtbar leid.“ Die Beine zitterten ihr so sehr, dass sie meinte, jeden Moment umkippen zu müssen. Auf bestrumpften Füßen, in jeder Hand einen der Ballerinas festhaltend, stand sie da und wusste nicht, was sie noch zu ihrer Entschuldigung sagen sollte. Die Situation war ihr total unangenehm. Und das nicht nur wegen des malträtierten Männerkinns. Der missbilligende Blick des Seniorchefs, der gleich neben seinem Begleiter darauf wartete, dass sie endlich fertig wurde, machte ja mehr als deutlich, was er von ihrem Benehmen hielt. Also senkte sie den Kopf und bückte sich gleichzeitig, um in ihre Schuhe zu schlüpfen. Dabei hoffte sie von Herzen, die anderen Frauen seien so beschäftigt gewesen, dass sie den Vorfall gar nicht oder nur nebenbei registriert hätten.
„Ich will Ihnen Ihren neuen Chef vorstellen“, erklärte Redehof Senior in gewohnt arroganter Manier. „Falls Sie ihn noch nicht gesehen oder von ihm gehört haben, das ist mein Sohn.“ Seine Rechte auf die Schulter des Vorgestellten legend, sah er diesen kurz an, um sich dann wieder seiner Angestellten zuzuwenden. „Er ist seit heute mein Partner und Stellvertreter. Und Sie werden ab sofort für seinen persönlichen Schriftwechsel verantwortlich sein.“
Raphaela nickte bloß, während sie sich flugs einen ersten Eindruck von Redehof Junior machte. Sie hatte schon viel von ihm gehört, ihn aber bisher noch nie persönlich gesehen. Er war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten und hätte als sein Zwillingsbruder durchgehen können, wenn er vierzig Jahre älter gewesen wäre. Allein seine Augen wirkten irgendwie verwirrend, denn sie wiesen ein sehr intensives Blau auf. Außerdem war er einen halben Kopf größer als sein Vater und schien ausgiebig Sport zu treiben, denn seine Statur war die eines durchtrainierten Athleten.
Dass ihre Musterung nicht unbemerkt geblieben war, ließ Raphaelas Wangen nun noch rosiger werden. Also wich sie dem direkten Blickkontakt mit dem Juniorchef aus, indem sie den Kopf senkte, um anschließend so zu tun, als prüfe sie kurz die Anordnung der Arbeitsmaterialien auf ihrem Schreibtisch. Wie peinlich, dachte sie beschämt. Er musste sie für ein richtiges Trampel halten. Erst rammte sie ihm den Schädel unters Kinn. Und dann stellte sie sich auch noch hin und starrte ihn an, als hätte sie nie zuvor einen gut aussehenden Mann gesehen.
„Wenn Sie mich brauchen, klingeln Sie einfach durch“, brachte sie endlich mit belegter Stimme hervor. „Ich komme dann in Ihr Büro.“
„Das wird nicht nötig sein“, winkte Redehof Junior ab. „Sie bekommen nämlich einen eigenen Schreibtisch in meinem Vorzimmer.“ Kaum hatte er zu Ende gesprochen, da bemerkte er ihren fassungslosen Gesichtsausdruck und lächelte leicht. „Damit Sie nicht so weite Wege zurückzulegen haben“, fügte er erklärend hinzu. „Mein Reich liegt nämlich im ersten Stock, weil es hier oben keine Räume mehr gibt, die groß genug für ein weiteres Büro wären.“
Raphaela schaute sich unauffällig um. Das Großraumbüro der Speditionsfirma wies sechs Arbeitsplätze auf, an denen jeweils eine Schreibkraft saß. Es gab da sicherlich einige Frauen, die weit versierter und selbstsicherer waren als sie, stellte sie neidlos fest. Warum ausgerechnet sie? Warum nicht ihre Kollegin und beste Freundin Verena? Verena war ein paar Jahre älter und vor allem erfahrener im Umgang mit wichtigen Leuten.
„Packen Sie am besten gleich Ihre Sachen zusammen“, unterbrach der Seniorchef ihre Überlegungen. „Und dann kommen Sie mit. Sie sind die Einzige, die ich hier im Augenblick entbehren kann.“
Da es ein unüberhörbarer Befehl war, nickte Raphaela nur. Mund halten und gehorchen, ermahnte sie sich. Schließlich gab es genügend qualifiziertes Personal, das auf der Straße stand und nur darauf wartete, dass eine Stelle frei wurde. Auch wenn ihr selbst die Beförderung nicht wirklich willkommen war, musste sie doch dankbar sein, denn dadurch hatte sie nun die Gewissheit, dass sie ihren Job auch längerfristig behalten konnte!
Dass man ihr Tun interessiert beobachtete, wusste Raphaela, ohne es sehen zu müssen. Sie spürte förmlich die Blicke ihrer Kolleginnen in ihrem Rücken, während sie die wenigen persönlichen Dinge auf ihrem bisherigen Schreibtisch zusammen klaubte, um alles in ihrer Umhängetasche zu verstauen. Anschließend nahm sie ihre Stiefel und den Mantel zur Hand, und sah dann abwartend zu den beiden Herren auf, die immer noch an gleicher Stelle standen.
„Dann wollen wir mal.“ Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, marschierten die beiden Männer voran, im sicheren Wissen, dass sie ihnen umgehend folgen würde.
Raphaela indes machte ihrer sichtlich besorgten Freundin bloß ein kurzes Zeichen, um diese zu beruhigen, bevor sie mit gesenktem Kopf durch das Großraumbüro in Richtung Aufzug hastete. Sie wusste, für die nächsten Stunden würde sie Gesprächsthema Nummer Eins zwischen den zurückbleibenden Frauen sein. Allein darum verwünschte sie erneut ihr vermeintliches Glück, weil es sie in den Mittelpunkt des allgemeinen und zumeist neidischen Interesses stellte. Da dies jedoch genauso wenig zu ändern war, wie die Entscheidung des Big-Bosses, seufzte sie innerlich.
Dass sie ein ansprechendes Äußeres besaß, wusste Raphaela durchaus. Doch dass man sie während der kurzen Liftfahrt in das untere Geschoss als ausnehmend hübsch, ja sogar als außergewöhnlich interessant einstufte, hätte sie sehr überrascht. Sie trug ihr rotbraunes, rückenlanges Haar meist zu einem langweilig wirkenden Pferdeschwanz gebunden, weil es auf diese Weise am leichtesten zu bändigen war. Außerdem verwendete sie kaum Make-up, so dass ihr schmales Gesicht blass und unscheinbar anmutete. Allein die hohen Wangenknochen und die leicht schräg stehenden grünen Augen über einer kleinen geraden Nase vermittelten einen exotischen Eindruck, was auch sie selbst relativ ansehnlich fand. Ihre Lippen hätten ruhig ein bisschen schmaler sein können, fand sie. Auch wäre es gut gewesen, wenn sie ein wenig größer gewesen wäre, dachte sie bedauernd. Aber da das nicht zu ändern war, musste man sich damit abfinden.
Wie verunsichert sie war, sah man Raphaela an ihrer gesamten Haltung an: Ihre Sachen an sich gedrückt, so als erhoffe sie sich davon Schutz gegen etwaige Angreifer, hielt sie den Kopf konsequent gesenkt, was einen direkten Blickkontakt unmöglich machte. Dennoch wurde sie von ihrem neuen Chef eingehend gemustert, als billig aber geschmackvoll gekleidet beurteilt, und am Ende anerkennend belächelt, weil sie so vorausschauend gewesen war, an diesem Morgen ihre Füße vor den eisigen Temperaturen zu schützen, während andere Frauen aufgrund ihres übersteigerten Modegehorsams halb erfrorene Zehen zu beklagen hatten.
Endlich hielt der Aufzug an.
Raphaela ließ die beiden Männer wieder vorgehen, denn sie wusste ja noch nicht, in welche Richtung sie sich wenden sollte. Als sie jedoch die Räumlichkeiten betrat, in welchen sie von nun an arbeiten sollte, blieb sie wie vom Blitz getroffen stehen. Sie hatte sich bereits auf alles Mögliche gefasst gemacht, dachte sie bestürzt. Aber nicht auf solch ein Chaos! Beide Räume waren erst vor kurzer Zeit in einem matten Weiß gestrichen worden. Doch den Dreck, der durch die Renovierungsarbeiten entstanden war, hatte niemand beseitigt. Die beiden großen Fenster starrten vor Staub und Farbspritzern. Auch der Fußboden brauchte dringend eine Grundreinigung. Allein die neuen Büromöbel, die man mitten im Raum abgeladen und einfach dort stehen gelassen hatte, ließen ahnen, dass die beiden Zimmer später doch nicht so kalt wirken würden, wie zunächst befürchtet, denn sie waren allesamt aus hellem, zum Teil auch farblich lackiertem Holz gefertigt.
„Kümmern Sie sich darum, dass hier zunächst sauber gemacht wird, Frau Falkner“, befahl der Seniorchef. „Und wenn Sie so weit sind, melden Sie sich unten im Lager. Herr Ochs weiß, dass hier noch ein paar Möbel richtig hingestellt werden müssen.“ Kaum hatte er zu Ende gesprochen, da marschierte er auch schon wieder zum Ausgang und zerrte seinen Sohn am Jackenärmel hinter sich her. „Sollte jemand nach uns fragen, wir sind auf dem Weg zu einem Kunden“, erklärte er über die Schulter hinweg.

Die Abendnachrichten liefen bereits im Fernsehen, als Raphaela endlich nach Hause kam. Statt sich jedoch auf ihren wohl verdienten Feierabend zu freuen, wollte sie am liebsten gleich wieder kehrt machen und zu ihrer Freundin flüchten, denn sie wusste ja, was nun kommen würde.
„Wo kommst du jetzt her?“ Frau Falkner stand mit vor der Brust verschränkten Armen im Durchgang zwischen Flur und Wohnraum. „Hast du mal auf die Uhr gesehen?“ Ihre Miene war der reinste Vorwurf. „Und erzähl mir jetzt nichts von Arbeit! Du hast seit drei Stunden Feierabend! Also, wo warst du? Denkst du vielleicht auch einmal an deine arme Mutter, die sich Sorgen um dich macht? Warum gibst du mir keine Antwort?“
„Du lässt mich ja nicht zu Wort kommen.“ Raphaela hatte während des mütterlichen Monologes Mantel und Tasche an die Garderobe gehängt und wollte nun zur Küche. Ihre Feststellung war beileibe nicht böse gemeint. Es handelte sich dabei vielmehr um eine rein spontane Erwiderung. Dennoch wurde sie sogleich anhand einer schallenden Ohrfeige für ihre vermeintliche Frechheit bestraft.
Zunächst viel zu erschrocken, um reagieren zu können, sah die Geschlagene ihr Gegenüber bloß fassungslos an. Dann fasste sie sich an die brennende Gesichtshälfte.

„Was soll das?“ Mit einem Mal war die Müdigkeit wie weggeblasen.
„Was das soll, fragst du mich?“ Frau Falkner schien zutiefst empört. „Ich werde dir sagen, was das soll. Du undankbares kleines Miststück! Du lässt mich hier stundenlang allein, ohne daran zu denken, dass du noch einkaufen musst. Jetzt ist noch nicht einmal Brot im Haus! Was, bitte schön, soll ich denn jetzt auf den Tisch bringen? Willst du, dass wir verhungern?“
Raphaela meinte, sie habe nicht richtig gehört.
„Warum bist du denn nicht selbst einkaufen gegangen?“, fragte sie im ungläubigen Tonfall. „Du hattest doch genügend Zeit. Warum wartest du immer auf mich?“
„Was denn? Du wagst es, mir Vorwürfe zu machen?“ Frau Falkners Empörung verwandelte sich zusehends in blanke Wut. „Du? Die den ganzen Tag nur auf einem Stuhl hockt und ein bisschen auf der Schreibmaschine rumklimpert? Du verdammtes faules Aas! Ich habe genug mit dem Haushalt zu tun!“ Sie wollte erneut zuschlagen, kam jedoch nicht mehr an ihre Tochter heran, weil ihr diese reflexartig auswich und dann die Tür zu ihrem eigenen Schlafzimmer öffnete.
„Einmal reicht.“ Raphaela hatte Mühe, ihre Beherrschung zu wahren. Sie war in der Tat so verletzt und schockiert, dass sie noch nicht einmal mehr Hunger verspürte. „Wenn du dich beruhigt hast, können wir vielleicht vernünftig miteinander reden. Aber solange du mich nur anschreist und schlägst, bin ich nicht bereit, dir weiter zuzuhören.“ Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, da betrat sie ihr Zimmer und drückte anschließend die Tür energisch ins Schloss. Aber erst nachdem sie den Schlüssel zweimal herumgedreht hatte, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. So weit war es also schon, dachte sie bekümmert. Jetzt ging ihre Mutter noch nicht einmal mehr allein vor die Tür. Wie sollte das bloß enden? ... Zwei Jahre war es nun her, dass ihr Vater einen schweren Herzanfall erlitten und kurz danach verstorben war. Das hatte nicht nur sie selbst in Schock-Starre versetzt. Doch ihre Berufsausbildung, in der sie gerade steckte, und ihre völlig gebrochene Mutter, die rund um die Uhr Trost und Zuwendung gefordert hatte, hatten sie gezwungen, ihren eigenen Schmerz vorübergehend beiseite zu schieben. Anfangs war es ihr auch völlig normal erschienen, dass sie für ihre Mutter da sein musste, denn die Trauerarbeit ließ sich ja bekanntlich zu zweit viel leichter bewältigen. Allerdings hatte sie selbst kaum ein Wort des Trostes zu hören bekommen. Ganz im Gegenteil war sie immer häufiger mit Vorwürfen überhäuft worden, weil sie angeblich herzlos und egoistisch war. Zudem wurde sie in letzter Zeit immer mehr wie eine Gefangene behandelt, die das Haus nur dann verlassen durfte, wenn sie arbeiten ging oder zum Einkaufen geschickt wurde. Zwischendurch mal ins Kino oder einfach mal Bummeln gehen, kam gar nicht infrage, denn das hätte ja bedeutet, dass ihre Mutter dann ganz allein und hilfloszurückgeblieben wäre. Selbst ihr Besuch war unerwünscht, weil er störend empfunden wurde. Tauchte ihre Freundin Verena tatsächlich mal spontan bei ihr auf, was immer seltener vorkam, strafte man sie mit Unfreundlichkeit oder ignorierte sie gar. Verena ... Mittlerweile sahen sie sich nur noch in den Arbeitspausen, weil das die einzige Zeit war, in der man sich ungestört unterhalten oder gemeinsam etwas unternehmen konnte. ... Es wurde wirklich Zeit, dass sie was tat!
Mittlerweile todmüde, ließ Raphaela sich auf ihr Bett fallen. Anschließend streifte sie die Stiefel von den Füßen und zog die Beine leicht an, um bequemer liegen zu können. Sie wollte bloß eine Minute ausruhen, nahm sie sich vor. Danach würde sie ein Bad nehmen und hinterher richtig ins Bett gehen. Bewusst das anhaltende Gezeter vor ihrer Zimmertür überhörend, zog sie die Tagesdecke ein wenig über ihre Beine. Dabei atmete sie ein paar Mal durch und schlief dann tief und fest ein, um kurz darauf einem seltsamen Traum zu versinken.

Die letzten Strahlen der untergehenden Wintersonne ließen das Furcht einflößende Sandsteingebäude noch düsterer erscheinen, welches von hohen Tannen umgeben war. Allein der Anblick der unbeleuchteten und darum fast schwarz wirkenden Fenster verursachte der Heimkehrenden eine unangenehme Gänsehaut. Wer auch immer für die Errichtung dieses Hauses verantwortlich gewesen war, hatte sicherlich keinen einzigen Gedanken an Schönheit oder Behaglichkeit verschwendet, dachte sie bedauernd.
Den dunklen Umhang fester um die schmalen Schultern ziehend, beeilte sich die junge Frau, hineinzukommen, denn die Kälte griff nun immer unbarmherziger nach ihr. Schnell schloss sie die Eingangstür und wollte sogleich zum Küchentrakt, um sich einen heißen Tee zu bereiten. Sie wurde jedoch aufgehalten, weil ein Zipfel ihres langen Rockes zwischen Tür und Rahmen gefangen war, so dass sie sich erst befreien musste.
„Wo kommst du jetzt her?“ Die herrische Frauenstimme schien aus dem Nichts entsprungen und wehte nun wie ein eisiger Luftzug durch den hohen Eingangsbereich.
Die Gefragte war beim Klang der Worte unvermittelt zusammen gefahren. Doch nun schaute sie sich nach der Sprecherin um, die plötzlich groß und drohend im Türrahmen des Salons stand.
„Ich war im Dorf“, erklärte die Siebzehnjährige sichtbar eingeschüchtert. „Der Pfarrer hat mich gebeten, die Bücher durchzusehen, um entscheiden zu können, ob sie noch brauchbar sind.“
„Was hat das mit dir zu tun?“, wollte die Hausherrin wissen. „Seit wann kümmert sich die Tochter des Verwalters um solche Dinge? Das ist doch wohl die Aufgabe eines Anderen!“
Die Zurechtgewiesene senkte ergeben den Kopf, denn sie wusste, dass eine Erklärung weder erwünscht war noch wirklich erwartet wurde. Ihre Mutter war wohl die Letzte, die ein Interesse an der Sonntagsschule aufbrachte, in der die Kinder der Armen im Lesen und Schreiben unterrichtet wurden, denn sie lebte in einer völlig anderen Welt. Für sie zählte nur der offensichtliche Wohlstand, den sie dank der harten Arbeit der Bauern genießen konnte, die sich tagtäglich auf ihren Feldern abmühten, um die Steuern und Ernteabgaben aufbringen zu können, die vom Verwalter und von ihrem Lehnsherrn gefordert wurden. Dass ihre eigene Vorratskammer üppiger gefüllt war als manch eine der Bauern, die zudem eine große Familie zu ernähren hatten, kümmerte sie nicht. Und ihr Gemahl war auch nicht viel besser in seiner Gleichgültigkeit. Für ihn war sein Weinkeller viel wichtiger, als die Belange der Bauern.
„Vater hatte keine Zeit.“ Das war nicht ganz richtig, gestand sie sich schuldbewusst ein. Er war zu betrunken gewesen, um sich beim Pfarrer sehen zu lassen. „Deshalb bin ich gegangen.“ Sie nahm den Umhang ab und wollte weiter in die warme Küche. Allerdings kam sie nicht weit, weil sich eine unnachgiebige  Hand um ihren Oberarm legte, um sie aufzuhalten.
„Lady Langley war hier“, zischte die Hausherrin böse. „Sie wollte dich sehen. Aber mein Fräulein Tochter war ja nicht anwesend! Was denkst du dir bloß? Weißt du eigentlich, wie peinlich die Situation für mich war? Ich musste für dich lügen!“
„Was?“ Das Mädchen blickte völlig entgeistert auf sein Gegenüber.
„Ja“, schimpfte die Frau des Gutsverwalters sichtlich erzürnt. „Ich musste mir etwas einfallen lassen, damit sie nicht denkt, ich hätte dich nicht gut erzogen! Wie sollte ich ihr denn auch erklären, dass ich nicht weiß, wo du dich gerade aufhältst? Und selbst wenn ich es gewusst hätte, hätte ich der Dame ja wohl schlecht erzählen können, dass du dich mehr um die Belange der stinkenden Bauern kümmerst, als um deine Gebete und deine häuslichen Pflichten!“
„Es sind keine stinkenden Bauern“, wagte sich die junge Frau einzuwenden. „Sie schuften, damit wir genug zu essen ...“ Weiter kam sie nicht, denn die mit schweren Ringen besetzte Hand ihrer Mutter klatschte unversehens in ihr Gesicht.
„Du wagst es?“ Die Hausherrin erschien nun noch wütender als zuvor. „Halt den Mund und erinnere dich an deine gute Erziehung! Habe ich dir etwa beigebracht, deiner Mutter zu widersprechen? Oder hast du das von den Bauernlümmeln gelernt? Wenn das nämlich so ist, wäre es wirklich angebracht, dich einzusperren, damit du dich wieder besinnst. Wage es nicht! Wage es ja nicht noch einmal, mich zu belehren!“
Die Geschlagene hob eine zitternde Hand an die schmerzenden Lippen. Als sie dann einen blutenden Riss ertastete, drückte sie sogleich ein Taschentuch darauf. Dazu erzogen, stets gehorsam und geduldig abzuwarten, bis sie eine Erlaubnis bekam, sich zu entfernen, zögerte sie für einen kurzen Moment. Doch dann wandte sie sich wortlos ab und lief eilends die Treppe hinauf. In diesem Augenblick hatte sie nur noch einen Wunsch: Sie wollte schleunigst in ihre Kammer, mochte diese auch noch so kalt sein. Vergessen war der Hunger, der sie nach Hause getrieben hatte. Vergessen auch der Wunsch nach Wärme. Alles was sie sich jetzt herbeisehnte, war die Stille und Abgeschiedenheit eines Raumes, welchen sie verriegeln und somit zu einem absolut sicheren Zufluchtsort machen konnte.
„Lady Langley wollte mit dir sprechen“, giftete die Hausherrin hinter ihrer Tochter her. „Sie wollte dich zu ihrer Gesellschafterin machen. Aber so wie es aussieht, können wir nun nicht mehr damit rechnen. Du wirst in ein Kloster gehen müssen, denn so wie du dich verhältst, wird keine Mann von Stand dich haben wollen!“
Die Beschimpfte sparte sich eine Erwiderung, wohl wissend, dass dies alles nur noch schlimmer machen würde. Sie hatte sich nichts vorzuwerfen, auch wenn man ihr immer wieder unterstellte, sie sei ein  leichtfertiges Frauenzimmer. Sie hatte bloß die Aufgabe des Vaters übernommen, um ihm eine zwar wohl verdiente aber höchst peinliche Rüge vom Pfarrer zu ersparen. Zudem wäre er ohnehin nicht in der Lage gewesen, eine vernünftige Entscheidung zu treffen. Aber einer musste sich doch um die Belange der armen Kinder kümmern! Dummheit war doch der größte Feind des Menschen! Wer dumm gehalten wurde, von dem konnte man nicht verlangen, dass er die Notwendigkeit bestimmter Dinge einsah. Die Alten gaben ihr Wissen zwar immer weiter, aber neue Erkenntnisse fanden kaum ein offenes Ohr, weil man der modernen Wissenschaft misstraute, die meist völlig unbekannte und daher vermeintlich verdrehte Behauptungen aufstellte. Dabei war es doch äußerst wichtig, über neue Arbeitsweisen oder eine verbesserte Bodennutzung nachzudenken, denn nur wenn man bereit war, Neuheiten als normal und brauchbar zu erkennen, würde man auf Dauer bessere Ernten einfahren und sich somit auch das Leben erleichtern können!
Die schimpfende Stimme der Mutter immer noch in den Ohren, zog sich die junge Frau aus und schlüpfte unter die Daunendecke, um diese sogleich über ihren Kopf zu ziehen. Dennoch wurde das Gezeter außerhalb ihrer Kammer nicht leiser. Ganz im Gegenteil!