Das Geheimnis von Mayas Schwester

Kriminalroman

Taschenbuch / 308 Seiten / ISBN: 978-3-7418-9436-7

E-Book ISBN: 978-3-7418-9434-3

Textauszug / Leseprobe

 

1

 

Donnerstag – 20. Juni 2013

 

„Ich lüge nicht!“

Ehe sich Maya versah, klatschte ihr eine kräftige Hand auf die rechte Wange, was ihren Kopf unkontrolliert zur Seite fliegen ließ. Erschrocken und verblüfft zugleich, sah sie zu dem zornigen Gesicht ihres Gegenübers hinauf und konnte nicht fassen, dass man sie tatsächlich geschlagen hatte, nur weil sie bei ihrer ursprünglichen Aussage geblieben war.

„Ich … Verzeih.“ Der groß gewachsene blonde Mann wollte nach Maya greifen, um sie an sich ziehen und mit einer liebe­vollen Umarmung seine Handgreiflichkeit wieder vergessen machen zu können, kam jedoch gar nicht erst an sie heran, weil sie jäh vor ihm zurückwich. „Das wollte ich nicht“, sagte er zerknirscht. „Es tut mir so leid. Bitte!“

„Warum hast du es dann getan?“ Ihre Stimme klang gepresst, so als würde sie jeden Moment zu weinen anfangen. „Ich habe dich nicht belogen. Das, was du zu sehen gemeint hast, war eine ganz harmlose und völlig unbedeutende Unterhaltung zwischen Kollegen. Volker hat mir einen Witz erzählt. Und ich hab darüber gelacht. Na und? Darf ich jetzt schon nicht mehr mit anderen Männern reden, oder was?“

„Das sah für mich aber ganz anders aus“, versuchte Ray seine Eifersucht zu rechtfertigen. „Dieser Kerl verschlingt dich doch praktisch mit den Augen. Und du … Du hast nichts Besseres zu tun, als Öl ins Feuer zu gießen, indem du ihn so nah an dich heran lässt, dass …“

„Dass was?“, hakte sie nach, als er mitten im Satz abbrach.

„Dass er dich anfassen kann“, platzte Ray heraus. „Offenbar macht es dir Spaß, alle Männer verrückt zu machen!“

„Ach! Jetzt ist es also nicht mehr nur Volker, sondern alle Männer?“, tat sie überrascht. „Du hältst mich also für eine Schlampe. Ja? Ausgerechnet du, der eigentlich ganz still sein müsste. Du, der du deine Frau seit Jahren betrügst!“ In ihrem Inneren entstand aus einem winzig kleinen Funken des Unmutes allmählich ein größeres und zunehmend heißer werdendes Feuer des Zorns. „Ja, ich weiß, sie ist krank, und kann dir daher nicht geben, was du brauchst. Ich weiß aber auch, dass es keineswegs normal ist, wenn der Ehemann einer todkranken Frau nicht nur eine Geliebte hat!“ Nu war es heraus. Sie hatte vor ein paar Tagen zufällig gesehen, wie er mit einer seiner Kolleginnen aus einem Restaurant kam. Na, ja, das war im Grunde nichts Besonderes. Dass er seine Begleiterin jedoch in die Arme nahm und leidenschaftlich küsste, sobald sie in sei­nem Auto saßen, war hingegen sehr aufschlussreich. Im ersten Moment nicht wissend, was sie tun sollte, hatte sie sich gleich darauf auf dem Absatz herumgedreht und war zu ihrer besten Freundin Leyla gerannt, um sich bei ihr auszuheulen. Nun – Leyla hatte ihr einen guten Rat mit auf den Weg gegeben, als sie endlich wieder in der Lage gewesen war, an die Rückkehr zu ihrem Appartement zu denken. Allerdings hatte sie diesen Rat gleich bei der nächsten Begegnung mit Ray wieder in den Wind schießen lassen, weil sie glaubte, nicht ohne ihn leben zu können. Doch jetzt sah die Sache plötzlich ganz anders aus. Es war nicht nur seine Treulosigkeit, die ihr doch mehr zu schaffen machte, als ihr bisher bewusst gewesen war. Es war vielmehr sein gesamtes Verhalten, was sie auf einmal abstieß. Er glaubte anscheinend, er sei absolut unwiderstehlich, und sie sein Eigentum, mit dem er nach Gutdünken verfahren konnte. Und die Tatsache, dass er sogar körperliche Gewalt anzuwenden bereit war, um seine Macht über sie deutlich zu machen, ließ erkennen, in welche Richtung ihre Beziehung sich entwickeln würde, wenn sie sich weiter still und zuvorkommend verhielt, nur damit er bei ihr blieb. Sie wollte aber weder eine gehorsame Leibeigene noch eine kuschende Dienerin sein, die ihrem Herrn in höriger Abhängigkeit die schlagende Hand küsste! „Weißt du was? Ich möchte, dass du jetzt gehst“, verlangte sie, bevor er den Mund aufmachen konnte, um eine Erklärung abzugeben. „Ich stehe nämlich nicht auf gewalttätige Liebesbeweise. Und ich hab keine Lust mehr, eine von ich weiß nicht wie vielen zu sein, die dir das Bett warm halten.“

Ray sah sie an und erkannte, dass er wohl gut beraten war, ihre Forderung vorerst zu akzeptieren und ihr damit Gelegenheit zu geben, sich wieder zu beruhigen. Seinen Autoschlüssel an sich nehmend, den er bei seiner Ankunft auf dem kleinen Tisch gleich neben der Bettcouch abgelegt hatte, verließ er das Appartement im festen Glauben, in ein paar Stunden sei alles wieder vergeben und vergessen.

Maya indes stand eine Weile unbeweglich mitten im Raum und starrte durch den winzigen Flur hinweg auf die geschlossene Wohnungstür. Als ihr dann endlich bewusst wurde, dass sie dafür sorgen musste, dass Ray nie wieder einen Fuß in ihr Reich setzen und ihr somit auch nie wieder näher kommen konnte, als sie zuzulassen bereit war, ging sie zum Telefon und rief den Schlüsseldienst herbei.

 

Während der Eingang ihres Appartements ein anderes Schloss bekam, packte Maya die wenigen Sachen, die Ray im Laufe ihrer Beziehung bei ihr deponiert hatte, in eine Sport-Tasche und stellte diese im Hausflur ab, wohl wissend, dass er spätestens am Abend wiederkommen und seine Sachen finden würde. Da sie sich aber nicht mehr ganz sicher war, ob sie es tatsächlich aushalten konnte, ihn vor der Türe stehen und um Einlass betteln zu hören, beschloss sie, dass es wohl besser wäre, wenn sie ein oder zwei Nächte bei ihrer Freundin blieb. Besser gesagt, bei deren Eltern, denn die besaßen ein kleines Reihenhaus und boten ihrer Tochter kostenlose Logis an, damit sie möglichst lange zu Hause wohnen blieb.

 

Sie war kaum am Ziel angekommen, da verfiel Maya in haltloses Weinen, so dass sie lange Zeit nicht imstande war, ihren Kummer in verständliche Worte zu fassen.

Doch Leyla hatte längst begriffen, worum es ging.

„Du hast ihn also endlich abserviert.“

„Es sieht so aus, ja“, schniefte Maya. Seit sie sich kannten – sie hatten schon im Kindergarten miteinander gespielt – war Leyla, die temperamentvolle Tochter Iranisch-Deutscher Eltern, die einzige Person, der sie so gut wie alles anvertraute, und die stets mit Rat und Tat parat stand wenn Not am Mann war. Folglich war Leyla auch die Einzige, bei der sie sicher sein konnte, dass sie nicht nur jederzeit willkommen war, sondern auch bleiben konnte, solange sie wollte. Und so saß sie nun schon seit Stunden auf der gemütlicher Couch der Freundin, trank würzigen Kräutertee, und presste zwischendurch mit kleinen Eiswürfeln gefüllte Gefrierbeutel auf die geschwollenen Augenlider.

„Braves Mädchen.“ Leyla hatte Ray vom ersten Augenblick an nicht leiden können. Eigentlich hieß er Raimund, ließ sich aber lieber mit der englischen Kurzform seines Vornamens anreden, weil dies angeblich besser zu ihm passte. Und solch ein selbstgefälliges Gehabe war ihr absolut zuwider. Dennoch sparte sie sich jetzt die Feststellung, sie habe ja gleich gesagt, dass er kein Mann für eine feste Beziehung sei. Stattdessen nahm sie die Freundin erneut in die Arme und wiegte sie dabei wie ein kleines Kind hin und her. „Es tut weh, ich weiß“, raunte sie dabei in das pechschwarze Haar hinein. „Aber das geht vorbei. Du wirst sehen. In ein paar Tagen wirst du ihn ansehen und dich fragen, was dich an diesem selbstherrlichen Lackaffen eigentlich so sehr fasziniert hat.“

Nein, sie war nicht nur fasziniert gewesen, erinnert sich Maya mit wehem Herzen. Sie war Ray gleich an ihrem allerersten Arbeitstag im Krankenhaus begegnet und ihm praktisch schon beim ersten Blick mit Haut und Haaren verfallen. Im ersten Moment nicht fassend, dass der große und umwerfend gut aussehende Mann überhaupt Notiz von ihr nahm, hatte sie zunächst kaum den Mund aufgekriegt. Als er jedoch deutlich machte, dass er sich in der Tat ernsthaft für ihre Person interes­sierte und sie deshalb auch einmal außerhalb des Kranken­hauses wiedersehen wollte, hatte sie einer Verabredung zugestimmt. Es waren mehrere Treffen in verschiedenen Cafés und Restaurants gefolgt, zu welchen er stets mit einer langstieligen roten Rose gekommen war. Aber erst als er ihr eine teure Goldkette mit einem herzförmigen Diamant-Anhänger überreichte, und ihr schwor, nicht mehr ohne sie existieren zu können, waren auch die letzten ihrer Zweifel verflogen. Mittlerweile nicht mehr fähig, dem betörenden Charme des erfahrenen Mannes zu widerstehen, hatte sie geglaubt, endlich jemanden gefunden zu haben, der sie aufrichtig und bedingungslos liebte, so dass sie ihm den Zweitschlüssel zu ihrem Appartement gab. Fest davon überzeugt, die einzige Frau in seinem Leben und außerdem der glücklichste Mensch auf Erden zu sein, lebte sie danach über ein ganzes Jahr nur noch für ihn und die Stunden, die sie mit ihm verbringen konnte – bis sie erfuhr, dass er verheiratet war. Doch reichte diese niederschmetternde Erkenntnis nicht aus, um sie zur Vernunft zu bringen. Im Gegenteil. Von der Hoffnung beseelt, er würde sich ihr zuliebe scheiden lassen, hatte sie alles getan, um ihn zufrieden zu stellen. Selbst als er ihr sagte, dass er seine todkranke Frau niemals verlassen würde, solange diese lebte, war die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft nicht erloschen. Aber jetzt war sie endgültig kuriert! Sie würde sich für ein paar Tage krank melden und damit auch an ihrem Arbeitsplatz einer Begegnung mit Ray ausweichen. Nein, sie hatte keine Angst vor einer neuen Auseinandersetzung. Aber sie traute sich selbst noch nicht über den Weg. Er war stets ein Meister darin ge­wesen, sie so zu manipulieren, dass sie genau das tat, was er gerne wollte. Und im Moment waren der Schmerz über die Trennung und das Gefühl der Verlassenheit weitaus größer, als die Wut, angesichts seines Verhaltens, was durchaus dazu führen konnte, dass sie ihm noch eine Chance gab. Und genau das durfte nicht sein! Wenn sie sich anschließend nicht selbst verachten wollte, musste sie von jetzt an absolut standhaft bleiben!

„Meinst du …“ Maya schnäuzte sich ausgiebig, bevor sie neu ansetzte: „Wären deine Eltern einverstanden, wenn ich ein paar Tage hier bliebe? Ich meine …“

„Lass sie bloß nicht hören, dass du auf einmal an ihrer Gast­freundschaft zweifelst“, unterbrach Leyla. „Du weißt genau, sie würden dir das eigene Bett anbieten, wenn es keine andere Möglichkeit gäbe.“ Sie wusste intuitiv, was in der Freundin vorging, und war zugleich froh darüber, nicht nur als Kummerkasten fungieren zu müssen sondern auch tatkräftige Hilfestellung leisten zu können. „Das Heim der Pahlevis ist immer offen für dich. Also fühl’ dich wie zu Hause.“

 

Maya verbrachte ein paar Tage bei Leylas Familie und ließ sich in dieser Zeit konsequent verleugnen, wenn Ray anrief, um nach ihrem Verbleib zu fragen. Als sie jedoch zu ihrem Appartement zurückkehrte, ihren Briefkasten voller Entschuldigungsbriefe und den Eingang ihrer Wohnung mit teuren Blumenarrangements verstellt vorfand, rief sie ihn an.

„Es ist endgültig aus“, ließ sie ihn wissen. „Also lass mich zufrieden!“ Ohne eine Erwiderung abzuwarten, legte sie auf. Wäre die Ohrfeige nicht gewesen, es hätte ihm durchaus gelingen können, sich wieder bei ihr einzuschmeicheln. Aber er hatte sie nun einmal geschlagen! Und das war etwas, was sie nicht einfach hinnehmen oder gar als unbedeutenden Ausrutscher entschuldigen konnte. Selbst ihre Eltern hatten sie als Kind nie gezüchtigt! Warum also sollte sie es jetzt, wo sie eine erwachsene Frau war, einem Mann erlauben?

Ray konsequent aus ihren Gedanken verbannend, stopfte Maya seine Briefe und die Blumen in einen Müllbeutel, und brachte diesen gleich zur Tonne hinaus. Anschließend kehrte sie in ihr Appartement zurück und ging dort gleich ins Badezimmer, um sich fertig zu machen, da sie ins Krankenhaus gehen und ihre Arbeit wieder aufnehmen wollte. Doch fiel ihr Blick kaum auf die pechschwarze Mähne und den sonnengebräunten Teint ihres Spiegelbildes, da erinnerte sie sich urplötzlich an den Tag, da sie zum ersten Mal begriffen hatte, dass mit ihr irgend­etwas nicht in Ordnung war, und dass der Vater sie deshalb nicht leiden konnte, ja geradezu hasste. Was genau ihn so sehr an ihr störte, vermochte sie damals noch nicht zu verstehen, denn sie war gerade mal fünf Jahre alt gewesen. Aber ein paar Jahre später hatte sie zufällig einen erbitterten Streit der Eltern belauscht, bei dem von Seiten des Vaters die Formulierung dein dunkles Sündenkind mehrfach fiel, und war daraufhin zu der Erkenntnis gelangt, dass dieser Begriff wohl auf sie gemünzt war, denn sie sah in der Tat völlig anders aus, als der Rest ihrer Familie. Nun – Sie war mit elf Jahren beileibe nicht mehr so unwissend, dass sie nicht verstanden hätte: Die Mutter hatte offenbar eine Affäre gehabt und war dafür mit einem Kind gestraft worden, welches nicht nur sie tagein tagaus an ihre Treulosigkeit erinnerte. Selbstverständlich hatte sie sich alle Mühe gegeben, ihre jüngere Tochter nicht spüren zu lassen, dass sie im Grunde unerwünscht war. Doch war das vergebliche Liebesmühe gewesen, denn der Vater zeigte es umso deutlicher. Es war ihr, Maya, keine andere Wahl geblieben, als sich in ihr Schicksal zu fügen, denn sie wollte auf gar keinen Fall in ein Heim abgeschoben oder gar zur Adoption freigegeben werden. Allerdings hatte sie sich so manches Mal ausgemalt, wie es sein würde, wenn sie nicht mehr von Vater und Mutter abhängig war. Und dann … Ein Polizist und ein Pfarrer waren gekommen, um sie abzuholen und zur Schwester zu bringen, weil die Eltern bei einem Autounfall getötet …

Die Haarbürste beiseite legend, lenkte Maya ihre Gedanken gewaltsam in andere Bahnen. Es war lange her, redete sie sich selbst gut zu. Außerdem brauchte sie in ihrer derzeitigen Situation alles andere, als trübsinnige Erinnerungen.

 

 

2

 

Sonntag – 28. Juli – 15:04 Uhr

 

Die Lautstärke des Fernsehgerätes anhand der Fernbedienung drosselnd, stemmte sich Maya gleichzeitig aus ihrem Sessel, um zur Wohnungstür zu gehen, nicht länger fähig, das Greinen der Schelle weiter zu ignorieren. Doch tat sie kaum einen kurzen Blick durch den Spion, da erschien auch schon eine unmutige Falte auf ihre Stirn, angesichts der sichtlich ungeduldig wirkenden Blondine, die wartend im Treppenhaus stand.

„Was willst du?“ Die Eingangstür bloß einen Spalt breit öff­nend, musterte sie anschließend die unwillkommene Besucherin von Kopf bis Fuß mit einem schnellen Blick, fand sie wie gewohnt in einem geschmackvoll zusammengestellten Outfit vor, und konnte trotz ihres Widerwillens gegen die sorgfältig zurechtgemachte Schwester nicht leugnen, dass diese eine makellose Figur und zudem ein sicheres Gespür dafür besaß, was sie besonders vorteilhaft kleidete. „Ich wollte heute eigentlich Ruhe haben“, stellte sie mit abweisender Miene fest.

„Ich will dich gar nicht lange stören.“ Wiebke merkte durch­aus, dass ihre Anwesenheit nicht erwünscht war. Dennoch schob sie mit sanfter Gewalt die Tür ein wenig weiter auf und sich selbst sogleich in den Flur des winzigen Apartments hinein, was deutlich machte, dass sie nicht bereit war, sich unverrichteter Dinge wegschicken zu lassen.

„Also gut“, schnaubte Maya gereizt. „Jetzt bist du also drinnen. Und? Was willst du?“

„Ich wollte dir nur sagen, dass ich morgen wieder nach Venedig fliege. Ich ...“ Wiebke hatte mittlerweile den Eingang zum Wohnraum erreicht und blieb plötzlich wie versteinert stehen. Den Blick auf den Bildschirm des Fernsehapparates geheftet, von wo aus ihr die Großaufnahme eines südländischen Männergesichtes entgegen prangte, fasste sie sich mit zitternder Hand an die Kehle. Dabei schluckte sie mehrere Male heftig, und sackte dann ohne jede Vorwarnung in sich zusammen.

Die Stimme des Nachrichtensprechers in den Ohren, der immer noch von einem heimtückischen Attentat auf einen prominenten italienischen Geschäftsmann und der darauf folgenden Großfahndung nach dem Verantwortlichen berichtete, starrte Maya zunächst völlig verdattert auf die Ohnmächtige hinunter. Aber dann stürzte sie ins Badezimmer, um ein nasses Handtuch herbeizuholen, mit welchem sie der Bewusstlosen Stirn und Nacken zu kühlen begann. Verdammte Hitze, schimpfte sie dabei im Stillen. Seit Tagen zeigte das Außenthermometer fast vierzig Grad an, was schon an sich genügte, um die Menschen wie schlaffe Säcke wirken zu lassen, die keinerlei eigenen Antrieb mehr zu besitzen schienen. Aber hier, direkt unter dem Dach, war es momentan um einiges heißer als draußen, weil es so gut wie keine Isolierung gab, die die Strahlungswärme der aufgeheizten Dachziegel abgehalten hätte. Auch während der Nacht fiel die Temperaturanzeige nicht unter dreißig Grad! Trotz offener Fenster und ununterbrochen laufendem Ventilator! Sie selbst hatte sich mittlerweile mit den extremen Temperaturschwankungen innerhalb ihrer Behausung abgefunden – notgedrungen, weil sie sich keine andere Wohnung leisten konnte! Allein darum trug sie momentan nur das Notwendigste am Leibe. Aber Wiebke war in voller Montur, bestehend aus einer langen Leinen-Hose und dazugehöriger Weste über einem Edel-Shirt, in den sprichwörtlichen Hexenkessel geraten, so dass sie durch die Wucht der Hitze und den daraus resultierenden Kreislaufkollaps im wahrsten Sinne des Wortes niedergestreckt worden war.

Ein paar Sekunden lang versuchte Maya, die Ohnmächtige wieder zur Besinnung zu bringen. Dabei tastete sie wiederholt nach dem Puls der Schwester und entschied am Ende, dass sie doch lieber einen Arzt herbeiholen wollte, weil ihr die ganze Sache nicht mehr geheuer war. Ein durch Hitze bedingter Schwächeanfall war eine Sache, stellte sie fest. Aber ein kaum noch fühlbarer Puls und kalter Schweiß auf allen tast- und sichtbaren Hautflächen war etwas völlig anderes – zumal weder Schock-Lagerung noch kalte Umschläge etwas nützten!

 

Ein paar Minuten später drängten sich in Mayas kleinem Wohnzimmer mehrere Menschen, die sich um die immer noch bewusstlose Wiebke bemühten. Als der Notarzt schließlich mit der Erstversorgung seiner Patientin fertig war, wandte er sich an deren geduldig wartende, aber sichtlich verunsicherte Schwester, um ihr seine vorläufige Beurteilung der Ohn­mächtigen mitzuteilen.

„Herzinfarkt? Aber ... Aber ... Sind Sie sicher?“ Alles hätte Maya glauben können, aber nicht das. Nicht bei Wiebke, der sportlich aktiven Frau, die so sehr auf den Erhalt ihrer schlan­ken Linie achtete, dass sie sich hauptsächlich von Rohkost und fettarmen Jogurt ernährte.

„Absolut sicher bin ich mir erst, wenn ich sie in die Klinik gebracht habe und alle erforderlichen Untersuchungen gemacht sind“, erwiderte der Notarzt. „Aber wenn ich mir die Symp­tome so ansehe, möchte ich meinen, dass es genau auf diese Diagnose hinauslaufen wird.“

 

Maya nickte bloß, immer noch nicht fähig, die Aussage des Arztes als glaubhaft zu akzeptieren. Gleichzeitig nahm sie die Handtasche der Schwester an sich, damit sie aus dem Weg war, während die Sanitäter Wiebke vorsichtig aufhoben, um sie gleich darauf auf die mitgebrachte Trage zu legen. Während die Männer dann mit ihrer Last bereits die enge Treppe hinun­ter stiegen, langte sie nach ihrer eigenen Umhängetasche und dem Haustürschlüssel. Anschließend schloss sie die Wohnung ab, und eilte dem Rettungsteam hinterher, um mit in den Krankenwagen zu steigen.