Abenteuerroman 

 

Kalifornien - 1854. Um seinem despotischen Vater zu entkommen, bricht Eric in die Wildnis auf, mit der Absicht, ein freies Leben nach eigenen Vorstellungen führen zu wollen. Doch schon bald muss er erkennen, dass er keineswegs allein an dem Ort ist, den er sich als neue Heimat ausgesucht hat. Vielmehr muss er sich das Land mit verschiedenen Raubtieren und Indianern teilen. Dass die sogenannten Wilden keineswegs seine Feinde sind, wird schnell deutlich. Allerdings braucht er ein bisschen Zeit, um zu erkennen, wie wichtig seine neuen Nachbarn und deren Schicksal für ihn selbst sind.

Erics Alltag ist gespickt mit abenteuerlichen Begegnungen, die großen Eindruck auf ihn machen und oftmals dafür sorgen, dass sich sein reales Leben immer wieder neu ordnet. Auch fantastische Ausflüge in die Welt des Übersinnlichen sind ein Thema in diesem Roman, denn es gibt schließlich mehr zwischen Himmel und Erde, als man mit bloßem Auge wahrnehmen kann.

 

 

Taschenbuch, 600 Seiten, ISBN: 978-3-750265-01-1

 

 

Textauszug / Leseprobe

 

Prolog

 

„Du hast mir die Geschichte von Eric und seinem Leben versprochen.“ Yza sah ihren Vater erwartungsvoll an.

„Bist du nicht zu müde, Schatz?“ Bryan saß bereits in dem Sessel, der gleich neben dem Bett seiner Tochter stand. Er war sich jedoch nicht sicher, ob er tatsächlich mit dem Erzählen beginnen sollte, denn sie wirkte an diesem Abend noch erschöpfter und schwächer als am Tag zuvor. Der Krebs breitete sich immer schneller in ihrem Körper aus und raubte ihr zusehends mehr von ihrer Energie. Allein ihr Humor und ihre hartnäckige Weigerung, sich wie eine Todkranke zu verhalten oder zu wehklagen, täuschten oft darüber hinweg, dass es ihr tatsächlich miserabel ging.

„Müde ja, aber an Schlafen denke ich jetzt noch nicht.“ Sie lachte ihn offen an. „Das kann ich bald sehr ausgiebig tun. Also. Spann mich nicht so auf die Folter!“

Sie hatte recht, ermahnte er sich. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie für immer einschlafen würde. Und dann konnte er ihr nicht mehr erzählen, was er sich für sie ausgedacht hatte.

„O. K. Dann schließe die Augen und hör zu.“

 

 

1

 

Kalifornien – 1854

In den Wäldern nordöstlich des Sacramento-Flusses

 

Den Griff seiner Axt noch in der Hand haltend setzte sich Eric auf den Baumstamm, den er bis eben noch bearbeitet hatte. Dabei sah er sich schwer atmend um. Fast geschafft, dachte er zufrieden. Die Stämme, aus welchen die Wände der Blockhütte bestanden, waren so verbunden, dass noch nicht einmal ein starker Sturm sie von ihrem Platz bewegen konnte. Auch das Bretterdach war gut befestigt, und die Tür hing bereits in ihren Angeln. Jetzt fehlten nur noch die Klappläden und die dazugehörigen Riegel, damit das Fenster bei schlechtem Wetter verschlossen werden konnte. Sicher, seine neue Unterkunft war weder besonders groß noch so komfortabel wie sein Elternhaus in der Stadt. Aber es würde sein erstes, mit eigenen Händen erbautes Zuhause sein, in dem er allein zu bestimmen hatte, was zu tun oder zu lassen war.

Als Sohn eines sehr ehrgeizigen und gewinnorientierten Kaufmannes geboren, hatte Eric von klein auf lernen müssen, dass man im Leben nichts geschenkt bekam, sondern sich sein tägliches Brot verdienen musste. Er war also durchaus fähig, seinen Kopf zu gebrauchen, um Probleme und anstehende Herausforderungen zu bewältigen. Zudem besaß er geschickte Hände, die mithilfe von entsprechendem Werkzeug einiges herstellen und nahezu alles reparieren konnten, was man im Alltag benötigte. Allein seine Muskelkraft war anfangs gering gewesen, hatte sich aber im Laufe der letzten Zeit nach und nach verbessert, weil er ja tagtäglich große Gewichte bewegen musste.

Drei Monate war es nun her, dass er das Grab seiner Mutter und den Rest seiner Familie zurückgelassen hatte, um in die Wildnis aufzubrechen. Frei von den Zwängen zwischenmenschlicher Verhaltensnormen und den immerwährenden Forderungen seines Erzeugers, der einen geldgierigen Geschäftsmann aus ihm hatte machen wollen, sollte jetzt ein neues Leben für ihn beginnen. Mehr um seinem sturen Vater zu trotzen, als tatsächlich seinem eigenen Wunsch folgend, hatte er das Erbe seines Großvaters mütterlicherseits dazu benutzt, ein Stück Land zu kaufen, welches nahezu zwei Tagesreisen von Oaktown oder jeglicher anderen Ansiedlung entfernt war. Auf der Karte der Landvermesser war es immer noch ein großer quadratischer Fleck, der keinerlei Besonderheiten aufwies, und der bisher nur von ein paar einzelnen Goldsuchern inspiziert und für unbrauchbar deklariert worden war. Als er jedoch nach einem langen und ziemlich anstrengenden Ritt endlich angelangt war, hatte er voller Staunen und innerer Genugtuung feststellen dürfen, dass er sich ein kleines Stück vom Paradies gesichert hatte. Urige Mischwälder säumten eine lang gestreckte, steppenartige Ebene, die auf der einen Längsseite von einigen kleineren Anhöhen begrenzt wurde. Und hinter diesem natürlichen Wall tat sich ein weiteres kleines Tal auf, das gleichsam von unterschiedlich hohen Hügeln umgeben war. Allein auf einem dieser Erhebungen sprudelte brühheißes Wasser aus einer relativ großen Quelle und stürzte sich nach ein paar Yards als herrlich warmer Wasserfall in ein Becken aus Granit. Auf der anderen Längsseite wurde seine neue Heimat von schroffen Felsen abgeschirmt, die man zwar erklettern konnte, die jedoch nicht per Pferd zu überqueren waren. Aus dieser Steinbarriere entsprang ein kleiner Bach, der sich dann in sanften Windungen quer durch den Wiesengrund schlängelte. Sein Wasser war so klar und erfrischend, dass Eric meinte, nie zuvor etwas Köstlicheres getrunken zu haben. Eine vorläufige Behausung war bei seinem Eintreffen auch schon vorhanden gewesen. Da gab es nämlich eine mannshohe Felsenhöhle, die sich hinter einem Dornengestrüpp verbarg. Und diese war gerade groß genug, um ihn und seine Vorräte vorübergehend zu beherbergen. Also hatte er zunächst dafür gesorgt, dass seine Stute Lucie zwar grasen und aus dem Bach trinken, aber nicht weglaufen konnte. Danach hatte er sich in der Höhle hingelegt, um einen ganzen Tag hindurch zu schlafen. Geweckt durch seinen eigenen Hunger und Durst, war er schließlich aufgestanden, um sich sofort ans Werk zu machen.

Mittlerweile war Lucie in einer Koppel untergebracht, die auch einen kleinen Teil des Baches mit eingrenzte, und die zudem einen wetterfesten Unterstand aufwies. Und sein Blockhaus war auch so gut wie bezugsfertig. Der aus Natursteinen und Lehm gemauerte Kamin war endlich trocken. Und sobald er darin ein anständiges Feuer angezündet hatte, wollte er endlich das Kaninchenragout zubereiten, auf das er sich schon den ganzen Tag freute.

 

Nach der Fertigstellung seiner Blockhütte, die er im Hinblick auf den kommenden Winter durch eine Vorratskammer erweitert hatte, gönnte sich Eric einen ganzen Tag zum Ausruhen und brach dann bei Sonnenaufgang auf, um endlich sein gesamtes Land zu besichtigen. Dabei wollte er auch herausfinden, wo genau er die Tiere finden konnte, deren Felle er zu erbeuten hoffte, und an welchen Stellen es sinnvoll sein würde, die Fallen aufzustellen, die er mitgebracht hatte. Da er sich noch nicht auskannte, und somit weder die Tücken des Geländes noch die Gefahren einschätzen konnte, die ihm möglicherweise drohten, ließ er Lucie am kurzen Zügel gehen, stets darauf gefasst, sie schnellstmöglich wenden oder zumindest zur Ruhe bringen zu müssen. Zudem achtete er darauf, dass weder er noch sein Pferd allzu viel Lärm machten, allein aus der Sorge heraus, sie könnten anderenfalls die unliebsame Aufmerksamkeit eines Raubtieres auf sich ziehen, welches irgendwo im Dickicht versteckt sein könnte.

Dass ihm genau dies bevorstand, ahnte Eric nicht, als er gegen Mittag einem unscheinbaren Trampelpfad folgend durch einen dichten Wald ritt und dabei auf einen riesigen Baum zu hielt, hinter dem sich offenbar eine Lichtung befand. Doch sobald seine Stute den dicken Stamm der uralten Eiche umgangen hatte, fiel sein Blick zunächst auf die Überreste eines Hirsches und dann auf den Braunbären, der gleich hinter dem Kadaver hockte.

Und dann ging alles ganz schnell.

Darum bemüht, nicht von seiner Stute zu fallen, welche vor Schreck auf die Hinterbeine gestiegen war und nun wie ein Zirkuspferd herumtanzte, nahm Eric aus den Augenwinkeln heraus eine leichte Bewegung neben sich wahr. Er traute sich jedoch nicht, beiseite zu schauen, weil er sonst den Pelzriesen nicht mehr im Blick gehabt hätte, der sich nun zu seiner vollen Größe aufrichtete. Als das Raubtier dann ein wütendes Knurren hören ließ und sogleich einen weiten Satz in seine Richtung machte, langte er reflexartig nach seinem Gewehr, dessen Futteral seitlich am Sattel festgemacht war, um es hastig aus der schützenden Umhüllung zu ziehen. Gleichzeitig spürte er etwas an seinem Arm zerren, und kippte auch schon zur Seite weg, derweil der Grizzly rasend schnell heranstürmte und seine mit Klauen besetzte Pranke in die Seite der panikartig herumwirbelnden Stute versenkte, die in ihrer Todesangst keinen Fluchtweg fand.

Wir müssen Rückenwind gehabt haben, schoss es Eric durch den Sinn, während sein Pferd umkippte und damit nicht nur ihn, sondern auch seinen Angreifer unter sich begrub. Wäre es anders gewesen, Lucie hätte sich garantiert nicht vorwärtstreiben lassen. Ihre schrillen Todesschreie in den Ohren fürchtete er gleichfalls um sein Leben, während der Bär weiterhin auf den zuckenden Laib der Stute einhieb und dabei auch den Bauchgurt des Sattels zerfetzte. Doch dann wurde ihm wieder bewusst, dass er immer noch den Schaft seines Gewehres in der rechten Hand hielt. Also kämpfte er sich so weit unter dem bebenden Pferdeleib hervor, dass er den Abzug durchziehen konnte.

Der donnernde Schuss des schweren Jagdgewehres verfehlte den rasenden Grizzly, der mittlerweile im Blutrausch war und somit kaum noch Interesse für seine Umgebung aufbrachte. Er versetzte ihm aber einen gewaltigen Schrecken, sodass er zunächst einen großen Sprung zur Seite tat, wo er sich ein wenig schüttelte und dann in weiten Sätzen davonsprang.

Einmal tief durchatmend erlaubte sich Eric nun zum ersten Mal einen längeren Seitenblick. Dabei bekam er ein dunkles, mit Weiß und Ocker bemaltes Jungmännergesicht zu sehen, aus dem ihm ein paar zornig funkelnde dunkle Augen anblickten, und schluckte erschrocken. Indianer? Hier gab es Wilde? Aber … Idiot, schalt er sich sogleich selbst. Natürlich gab es hier Indianer. Das war ja schließlich mit ein Grund dafür gewesen, dass niemand hier siedeln wollte. Die Stadt und damit die so genannte Zivilisation waren viel zu weit entfernt, als dass sie irgendeinen Schutz hätten darstellen können. Andererseits sah der Kerl hier nicht wirklich gefährlich aus. Zumindest hatte er keinerlei Ähnlichkeit mit den blutrünstigen Monstern, als welche die Rothäute in den Siedlungen der Weißen dargestellt wurden.

Während er sich gemeinsam mit dem Indianerjungen von der Last der mittlerweile toten Stute befreite, beschloss Eric, dass er das Urteil seiner Mitmenschen nicht so einfach übernehmen, sondern sich ein eigenes Bild machen wollte. Hätte man ihn umbringen wollen – angeblich ließ ja eine Rothaut einen Weißen niemals ungeschoren davonkommen – hätte man ihn sicherlich nicht zuerst vor einer reißenden Bestie gerettet.

Um ein gelassen wirkendes Auftreten bemüht, stellte sich Eric hin und ließ sich von Kopf bis Fuß mustern. Dabei begutachtete er sein Gegenüber auf die gleiche Weise. Am Ende streckte er die Hand hervor, mit der Absicht, so seinen guten Willen und seine Harmlosigkeit deutlich zu machen. Allerdings hatte er die Bewegung kaum ausgeführt, da hielt der Indianer bereits sein kleines Eisenbeil in der Faust und schlug ihm mit der abgeflachten Seite auf den Schädel.

 

In der Abenddämmerung erwachte Eric in der Behausung der Medizinfrau der Sippe, und kam anschließend kaum noch aus dem Staunen heraus, weil sie das größte Interesse daran zu haben schien, dass er wieder auf die Beine kam. Merkwürdigerweise begegneten ihm nach dem Verlassen ihres Zeltes auch die übrigen Sippenmitglieder allgemein mit Gleichmut und herablassender Freundlichkeit. Dennoch war er sich sofort im Klaren darüber, dass er sich in einer ziemlich heiklen Situation befand. Und das lag nicht nur daran, dass sich der Indianerjunge, der ihn zuerst vor dem Bären gerettet und dann niedergeschlagen hatte, äußerst angriffslustig gebärdete, sobald man aufeinandertraf.

 

Am Tag nach dem Vorfall im Wald wurde Eric dem Sippenoberhaupt vorgeführt. Dort bekam er dann anhand verschiedener Zeichen und Gebärden erklärt, dass er ein wichtiges Ritual gestört hatte. Als er schließlich begriff, dass es nicht nur um eine gescheiterte Jagd ging, wusste er zunächst nicht, wie er sich rechtfertigen oder entschuldigen sollte. Der Indianerjunge, der ihn niedergeschlagen und danach aus unerklärlichen Gründen in sein Dorf gebracht hatte, hatte nämlich im Laufe seiner Reifeprüfung beweisen wollen, dass er schon ein erwachsener Mann war, auch wenn er erst vierzehn Sommer zählte. Wenn es ihm gelungen wäre, den Grizzly in seine Falle zu locken, um ihn anschließend zu töten, wäre er in den Jagdtrupp des Stammes aufgenommen worden. Die Eingliederung in diese spezielle Gemeinschaft war sozusagen eine Auszeichnung für besonders mutige Männer. Sie schützten nicht nur das Dorf und die Sippen eigenen Pferde. Sie mussten auch den Stamm jederzeit mit genügend Fleisch versorgen, was bedeutete, dass sie tagtäglich ihren Mut und ihr Können zur Schau stellen konnten und dafür von allen bewundert wurden. Falkenauge war von der Statur her ein ausgewachsener Mann, würde nun aber für ein weiteres Jahr als Junge gelten, weil seine Jagd nicht erfolgreich gewesen war.

Mit dieser Erkenntnis blitzte auch eine Idee in Erics Kopf auf, die er sofort in die Tat umsetzen wollte. Sein Angebot, dass er einen Bären suchen und eigens für den Jungen erlegen würde, rief zunächst Verblüffung und dann herablassendes Gelächter hervor. Aber er gab nicht auf. Obwohl er wusste, dass der Häuptling nicht eine Silbe seiner Sprache verstand, fuhr er fort, auf den alten Mann einzureden. Immer wieder deutete er auf seinen Brustkorb, dann auf den jungen Indianer, und schließlich auf die ungelenke Darstellung eines Bären, die er eigenhändig in den sandigen Boden geritzt hatte.

Häuptling Grauer-Bär sah und hörte sich das eine geraume Weile scheinbar gelangweilt an. Doch dann entschied er aus einer Eingebung heraus, dass sein bereits gefasstes Urteil vielleicht doch nicht das richtige war. Dieses Bleichgesicht schien weder dumm noch verantwortungslos zu sein. Der junge Mann sah auch nicht so aus, als wäre er so leichtfertig wie die restlichen Angehörigen seiner Hautfarbe. Nein, er erweckte eher den Eindruck eines selbstsicheren und sehr bedachten Menschen, der sich nicht so schnell aus der Fassung bringen ließ. Auch wenn er nicht mehr als achtzehn Sommer zählen konnte, wirkte er so, als hätte er bereits viel Lebenserfahrung angesammelt. Vielleicht konnte Falkenauge einiges von dem Fremden lernen? Auch wenn sein Sohn nicht dumm war, war er doch oft sehr unbeherrscht und aufbrausend. Man konnte diese üblen Eigenschaften zwar mit seiner Jugend und Unerfahrenheit erklären, dennoch waren sie nicht länger hinzunehmen, zumal Falkenauge selbst als Erwachsener angesehen werden wollte.

Der Häuptling musterte zunächst seinen Sohn und versuchte dabei zu ergründen, wie dieser wohl auf sein Urteil reagieren würde. Danach taxierte er den Weißen-Mann mit einem langen prüfenden Blick. Am Ende nickte er bedächtig, so als wolle er seinen Beschluss bekräftigen, und nahm dann die autoritäre Haltung eines Despoten an, damit von vorneherein deutlich zu erkennen sei, dass er nun eine wichtige Entscheidung verkünden wollte.

„Du sollst eine neue Gelegenheit bekommen“, sagte er zu Falkenauge. „Er hat den Bären nicht getötet, sondern nur verjagt. Also wirst du das Tier wieder aufspüren und töten.“

Der junge Indianer starrte den Vater zunächst sprachlos vor Staunen an, denn so etwas hatte es bisher noch nie gegeben. Doch dann begann er unvermittelt zu strahlen, weil ihm aufging, dass er entgegen der geltenden Regeln einer Initiation eine zweite Chance bekommen sollte, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.

Aber Grauer-Bär war noch nicht fertig.

„Ihr werdet gemeinsam gehen“, sagte der Häuptling. „Er wird dein Schatten sein. Und du wirst sein Schatten sein. Ihr werdet füreinander da sein, bis die Jagd auf die eine oder andere Weise beendet wird.“

Das Stammesoberhaupt hatte kaum zu Ende gesprochen, da wurde Falkenauge so blass wie ein gebleichtes Leintuch, denn er wusste, was das bedeutete. Der Weiße-Mann würde mit einem dünnen Lederriemen, welcher eine Länge von etwa fünf Fuß haben würde, für einen ganzen Tag und eine ganze Nacht an sein eigenes Handgelenk gebunden. Von diesem Augenblick an würde keiner von ihnen auch nur einen Schritt alleine tun können. Danach würde der Riemen durchtrennt werden, damit sie sich unabhängig voneinander bewegen konnten. Aber das symbolische Aneinander-gebunden-sein würde weiter bestehen, bis das erwählte Tier erlegt und der Beweis dafür ins Dorf gebracht worden war. Versuchte man seinen Schatten also frühzeitig loszuwerden, oder gar ganz von der Jagd auszuschließen, würde die Reifeprüfung abgebrochen und niemals wieder gestattet werden. Ein Mann, der sich von kindlichem Zorn und Trotz leiten ließ, und dabei sogar die Gesetze missachtete, die schon seit Anbeginn der Zeit galten, war es wirklich nicht wert, dass man ihm Achtung oder gar wohlwollende Anerkennung entgegenbrachte!

Im Hinblick auf die drohenden Konsequenzen bezähmte der junge Indianer seine Wut und die daraus resultierende Mordlust. Dennoch brodelte es in ihm, weil er sich durch Erics Teilnahme an der Jagd nicht nur gestört, sondern im wahrsten Sinne des Wortes betrogen fühlte. Sein Erfolg würde auch stets als der Erfolg des Bleichgesichtes erwähnt werden, grollte er insgeheim. Da er jedoch keine andere Wahl hatte, wollte er nicht zeitlebens als Kind angesehen werden und somit unwiderruflich aus der Gruppe der Jäger ausgeschlossen sein, biss er die Zähne knirschend aufeinander und fügte sich.

Unterdessen erklärte man Eric die Aufgabe, die er gemeinsam mit dem Jungen bewältigen musste, so gut man es eben konnte. Doch letztlich ging man davon aus, dass er von Falkenauge lernen konnte und würde, so wie dieser von ihm.

Die beiden jungen Männer wurden also aneinandergebunden und sich selbst überlassen, wobei es allen anderen Stammesmitgliedern strengstens verboten war, irgendeine Hilfestellung zu geben. Und so trottete Eric hinter dem Indianerjungen her, während dieser zunächst seine Alltagspflichten erledigte und dann mit den Vorbereitungen für die Jagd begann. Bei Einbruch der Dunkelheit wurde er schließlich in eines der Zelte gezerrt, wo man ihm einen Schlafplatz gleich neben Falkenauges Lager zuwies, und lernte dabei die ersten Worte der fremden Sprache. Dass es sich dabei um wüste Beschimpfungen und äußerst hässliche Beleidigungen handelte, sollte er allerdings erst viel später erfahren.

 

Bei Sonnenaufgang suchte Falkenauge ein braves Pferd aus der Herde des Stammes heraus, da er sicher sein wollte, dass sein Jagdgefährte nicht stürzte und somit den Lederriemen vorzeitig zerriss. Weil er selbst jedoch ohne Sattel ritt, dachte er gar nicht daran, dass sein Schatten vielleicht einen brauchte. Erst als er auf dem Rücken seines Ponys saß, bemerkte er den Weißen Mann, der ein wenig skeptisch das ihm zugedachte Pferd betrachtete und offenbar überlegte, wie er denn nun aufsteigen sollte, wo doch kein Steigbügel zur Verfügung stand. Ein abfälliges Grinsen auf den Lippen reichte er dem Bleichgesicht schließlich eine Hand und nickte ihm gleichzeitig aufmunternd zu. Der Weißhintern würde seine liebe Not haben, dachte er gehässig, während sich sein unwillkommener Begleiter auf das Pferd schwang. Das Reiten auf einer Pferdedecke allein erforderte nämlich weit mehr körperlichen Einsatz als mit einem Sattel. Spätestens wenn die Sonne senkrecht über dem Land stand, würde er sich nicht mehr auf dem Pony halten können, weil er sich dann sicher einen Wolf geritten hatte.

Hätte der junge Indianer gewusst, dass sein Begleiter nur dann einen Sattel benutzte, wenn er auf eine längere Erkundungstour oder auf die Jagd ging, weil er ihn allein für die Unterbringung seiner Gebrauchsgegenstände brauchte, er wäre vermutlich nicht so voller erwartungsfroher Schadenfreude gewesen. Eric hatte im Grunde bloß gezögert, weil er sich nicht sicher gewesen war, ob das Tier ihn, einen völlig Fremden, akzeptieren würde. Schließlich wusste er aus eigener, ziemlich schmerzhafter Erfahrung, dass Pferde manchmal sehr bockig reagierten, wenn ihnen ein Reiter nicht passte. Als er jedoch merkte, dass der Wallach ein vollkommen ausgeglichenes Wesen besaß, und ihn zudem auch noch zu mögen schien, entspannte er sich.

Grauer-Bär schaute den Reitern unter halb geschlossenen Lidern nach, während sie die Siedlung des Stammes verließen. Im Stillen hoffte er, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, denn die beiden jungen Männer hatten jeweils nur ein Messer und ein Eisenbeil zur Verfügung, um den Bären zur Strecke zu bringen. Sollte sich das Ganze als Fehler erweisen, waren nämlich auch seine Tage als Häuptling gezählt. Weil er sich aus Liebe zu seinem Sohn über den üblichen Ablauf der Stammesriten hinweggesetzt hatte, die im Laufe eines Jahres nur einen Versuch erlaubte, den Übergang vom Kind zum Mann zu bewältigen, würde man ihm nicht verzeihen, wenn dabei ein Leben ausgelöscht wurde. Auch wenn es das Bleichgesicht treffen sollte, würde man ihn – Grauer-Bär – für dessen Schicksal verantwortlich machen!