Luisa arbeitet als Kellnerin in einer Diskothek. Dabei lernt sie viele junge Leute kennen, deren Charaktere von unterschiedlicher Natur sind. Unerwünschten Annäherungsversuchen begegnet sie meist mit humorvoller Schlagfertigkeit oder geschickten Ausweichmanövern, was in der Regel ausreicht, um von weiteren Belästigungen verschont zu bleiben. Als sie jedoch an einem völlig unspektakulären Abend zwei befreundeten jungen Männern begegnet, soll das ungeahnte Folgen für sie haben.

Für Patrick ist Luisa seine absolute Traumfrau. Eddy hingegen sieht in ihr bloß eine Vermittlerin, die ihm ein Treffen mit der geheimnisvollen Nadja ermöglichen soll. Da sie jedoch nicht bereit ist, auf die Wünsche der Freunde einzugehen, gerät sie schon bald in ernste Gefahr.  

Ein wendungsreicher und spannender Kampf zwischen einem selbstverliebten Stalker und seinem nicht völlig hilflosen Opfer.

 

 Taschenbuch, 336 Seiten, ISBN: 978-3-7418-9911-9

 

 

Textauszug / Leseprobe 

 

1

 

 

Das wiederholte, jedes Mal länger dauernde Hupen eines Autos löste bei Patrick einen gereizten Seufzer aus. Er war erst eine Viertelstunde zuvor nach Hause gekommen, weil er Überstunden machen musste, um einen dringenden Auftrag zu Ende zu bringen. Und weil er völlig verdreckt und verschwitzt gewesen war, hatte er sich zuallererst eine ausgiebige Dusche gegönnt. Doch nun blieb ihm noch nicht einmal Zeit genug, um sich zu rasieren, geschweige denn seinen Bärenhunger zu stillen.

Sein modisch kurz geschnittenes, immer noch feuchtes Haar kurz mit den Fingern durchkämmend, schlüpfte der groß gewachsene Mittzwanziger gleich darauf in die frische Kleidung, um anschließend in seine Schuhe zu steigen. Und sobald seine Schnürsenkel gebunden waren, ging er zum Fenster, um einen kurzen Blick auf die Straße hinabzuwerfen. Der Kerl war einfach unmöglich, grollte er. Eddy scherte sich offenbar den Teufel darum, dass sein Verhalten eine Zumutung für andere war. Also würde es wieder einmal Beschwerden vonseiten der genervten Nachbarn hageln, die sich durch den Lärm belästigt fühlten.

Trotz seiner zunehmenden Gereiztheit langte Patrick nach seinem Geldbeutel, um ihn in die Gesäßtasche seiner Jeans zu schieben. Gleich darauf griff er sich seine Jacke und verließ dann sein Apartment, um die Treppe hinunterzulaufen. Fast schon an der Haustür angelangt, hörte er den Mieter aus der ersten Etage hinter sich her schimpfen. Also schickte er umgehend eine Entschuldigung zurück, um den Mann zu beschwichtigen, der mit einem Anruf bei der Polizei gedroht hatte. Danach trat er eilig aus dem Haus, was ein weiteres Hupkonzert verhinderte.

„Hab’ ich dir nicht gesagt, dass du das lassen sollst?“, grollte er, sobald Eddys Sportcoupé erreicht und die Beifahrertür geöffnet war. „Ich hab’ keine Lust, vor die Tür gesetzt zu werden, nur weil es dir nicht schnell genug geht!“ Sein Golf stand mit defekter Lichtmaschine in der Werkstatt. Also stieg er nun in den Wagen seines Kumpels ein, wobei er sich immer noch darüber ärgerte, dass man ihn auf solch unverschämte Weise zur Eile getrieben hatte.

„Jetzt krieg dich mal wieder ein“, erwiderte der Getadelte im amüsierten und zugleich herablassend klingenden Tonfall. „So ’ne billige Bude passt eh nicht zu dir. Warum suchst du dir nicht was Besseres? Du weißt doch, wenn deine Kohle nicht reichen sollte, musst du nur was sagen.“ Damit startete er den Motor und fuhr umgehend los.

Patrick sparte sich eine entsprechende Erwiderung, wohl wissend, dass sie ohnehin nur zu einer fruchtlosen Diskussion führen würde. Sicher, seine Wohnung war im Vergleich zu Eddys Penthouse winzig. Und luxuriös konnte man sie schon gar nicht nennen. Aber sie war seine Festung! Eben ein richtiges Zuhause und kein angeberisches Vorzeigeobjekt. Außerdem dachte er nicht im Traum daran, sich von Eddy unter die Arme greifen zu lassen, weil er diesem nichts schuldig sein wollte.

„Können wir erst mal zu Francesco fahren?“, verlangte er. „Bin eben erst heimgekommen. Hab’ einen Mordshunger.“

„Dass du immer noch in diesen Saftladen gehst, um für einen Hungerlohn bis in die Nacht zu schuften, ist mir nach wie vor ein Rätsel.“ Vor einer roten Ampel stehend, bedachte Eddy seinen Freund mit einem mitleidig anmutenden Blick. „Wann wirst du endlich vernünftig?“

Der Gefragte presste bloß die Lippen aufeinander. Immer die gleiche Leier, dachte er genervt. Eddy konnte einfach nicht begreifen, dass man als Normalsterblicher arbeiten musste. Er brauchte sich ja um nichts zu kümmern, denn er war von Haus aus bestens versorgt.

„Ich hab’ Hunger“, beharrte er. „Wenn dir das mit der Pizzeria zu lange dauert, musst du mich halt bei Francesco absetzen und dann ohne mich ins Westside.“

„Westside ist ’n alter Hut“, winkte Eddy ab. „Die Jungs und ich haben nämlich vor drei Wochen was ganz Besonderes aufgetan. Wirst staunen, alter Junge. Und für deinen leeren Magen kriegst du da auch was.“

Patrick schwieg, denn er wusste nun, wo der Abend enden würde – nämlich in irgendeiner Diskothek, wo ein paar schöne Mädchen herumliefen, die, mehr oder weniger angezogen, die Getränke und vielleicht auch ein paar Snacks an den Kunden brachten. Er hatte sich fast vier Wochen lang erfolgreich davor drücken können, mitzugehen. Aber als Eddy am Nachmittag angerufen hatte, war es ihm einfach nicht gelungen, sein Nein unmissverständlich klarzumachen, weil sein Chef grundsätzlich darauf bestand, dass niemand während der Arbeitszeit telefonierte – es sei denn, es lag ein Notfall vor. Und da Eddy so penetrant gewesen war, hatte er sich auf die Schnelle eine Zusage abringen lassen, damit Ruhe war.

„Also, wohin?“, fragte er ergeben.

„Ins ehemalige Dancefloor“, antwortete Eddy.

Ein hässlicher Schuppen im Industriegebiet, schoss es Patrick daraufhin durch den Kopf. Den hatte man eigentlich schon vor einem Jahr abgehakt, weil es da bloß nervige Musik und schlecht gemixte Drinks gab, die meist zu viel minderwertigem Alkohol enthielten. Außerdem konnte er sich noch gut daran erinnern, wie blöd er sich jedes Mal vorgekommen war, sobald er sich der Gesichtskontrolle stellen musste, die von schrankbreiten, wie Schwerverbrecher aussehenden Türstehern durchgeführt wurde. Zudem hatte das Publikum im Dancefloor aus Leuten bestanden, die er nicht unbedingt näher kennen wollte. Also, wenn’s nach ihm gegangen wäre, dann hätte er jetzt liebend gern kehrt gemacht und den Abend zu Hause verbracht!

„Das Ding ist von ’nem neuen Mann übernommen und umbenannt worden“, schwatzte Eddy unterdessen weiter. „Wirst staunen, was der aus dem Laden gemacht hat.“

 

Bereits auf dem weitläufigen Parkplatz der Diskothek, die sich jetzt Playground nannte, wurde Patrick klar, dass der neue Inhaber in den vergangenen Monaten tatsächlich ein paar erfreuliche Veränderungen vorgenommen hatte. Die grellen Farben der ehedem weit sichtbaren Fassade waren einem neutralen Anstrich gewichen, sodass der Namenszug der Diskothek, der an drei Seiten des Bauwerks als fantasievolles Graffiti aufgebracht war, gut sichtbar zur Geltung kam. Auch der Eingangsbereich, der einem Treppenaufgang vorgelagert war, wirkte nun viel freundlicher.

Die Türsteher gab es immer noch. Allerdings waren es jetzt gänzlich andere Gesichter, die, nun direkt vor der schallgedämmten Tür zum eigentlichen Vergnügungstempel stehend, den Besuchern freundlich aber sehr wachsam entgegensahen. Hin und wieder musste ein Gast eine gründliche Durchsuchung seiner Taschen über sich ergehen lassen. Doch erfolgte dies offenbar aus begründetem Misstrauen, denn in den meisten Fällen kamen dabei Dinge zum Vorschein, die in einer Diskothek nichts zu suchen hatten.

„Wir gehen erst mal da rauf, bestimmte Eddy, indem er zur Treppe zeigte. „Der neue Inhaber hat da nämlich eine kleine aber feine Futterbude eingerichtet. Sozusagen als zweites Standbein. Musst du dir unbedingt ansehen.“

„Okay.“ Während er seinem Begleiter folgte, der nun im Eiltempo die Stufen hinauf stieg, überprüfte Patrick den Inhalt seines Geldbeutels.

„Komm schon“, befahl Eddy, dem es nicht schnell genug ging. „Schwing die Hufe, Mann!“

Der so Gedrängte gehorchte, auch wenn ihm das herrische Gebaren seines Kumpels entschieden gegen den Strich ging. Als er schließlich am Eingang des Restaurants ankam, blieb er wiederum stehen, um sich den Namenszug anzusehen, der über der Tür hing. Nun, Salt & Pepper war jetzt nicht unbedingt sehr originell, stellte er fest. Aber es kam ja nicht auf Äußerlichkeiten an, sondern auf die Qualität des Essens und die Leute, die sich um das Wohl der Gäste kümmerten.

Das Restaurant selbst war in der Tat nicht besonders groß. Ungeachtet Eddys offenkundiger Ungeduld, warf Patrick einen kurzen Blick durch die halbhohe Pendeltür in die Küche hinein, um sich dann der Betrachtung der Einrichtung zu widmen, die hell und modern wirkte. Allein die Enge gefiel ihm nicht, denn er mochte es nicht besonders, wenn man ihm vom Nachbartisch aus auf den Teller glotzen konnte.

Endlich bei seinem Begleiter angelangt, ließ er sich auf einen der Stühle gleiten und griff gleichzeitig nach der ausgelegten Speisekarte. Er hatte die Auflistung kaum überflogen, da blieb auch schon eine Kellnerin an ihrem Tisch stehen.

„Ich nehme das Schweinesteak vom Grill“, sagte er, indem er die junge Frau kurz musterte, die anhand eines Order Mailers ihre Bestellung direkt an die Küche übermitteln wollte. „Dazu ein Mineralwasser.“ Das schlichte weiße Herrenhemd, samt Fliege unter dem Kinn, und die schmal geschnittene schwarze Hose standen ihr wirklich hervorragend, lobte er im Stillen. An einem breiten Gürtel um ihre schmale Taille hingen jeweils an einer festen Gliederkette ihr Aufnahmegerät sowie der große Geldbeutel. Und ihre Füße steckten in flachen Schnürschuhen, die auf Hochglanz poliert waren. Ihre Aufmachung ließ sie zwar größer erscheinen, aber mehr als einssiebzig konnte sie auf keinen Fall sein. Das vermutlich schulterlange Haar war streng nach hinten gekämmt und im Nacken zu einem Zopf gebunden worden, was einen perfekt geformten Kopf sichtbar machte. Ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen und einer kleinen geraden Nase über einem sinnlichen Mund schien in einer unverbindlich wirkenden Miene eingefroren. Allein die blaugrauen Augen, die durch ein modernes Brillengestell auf den Betrachter herabsahen, wirkten leicht amüsiert und wachsam zugleich.

„Für mich ein Lachs-Sandwich und eine Cola.“ Während er sprach, ließ sich auch Eddy lässig in seinem Stuhl zurücksinken, um die Bedienung ausgiebig zu mustern. „Muss ja nachher meinen Sportflitzer heil nach Hause bringen.“ Als sie daraufhin nur nickte und dann zum nächsten Tisch ging, presste er kurz die Lippen aufeinander. „Ist zwar niedlich, die Kleine, aber kalt wie ’n Fisch“, stellte er fest, indem er sich wieder seinem Begleiter zuwandte.

Patrick lächelte das sichtlich nervöser werdende Mädchen am Nachbartisch ein letztes Mal an, um sich anschließend wieder auf seinen Begleiter zu konzentrieren. Das waren ja ganz ungewohnte Töne von Eddy, dachte er überrascht. Der sonst scheinbar durch nichts zu erschütternde Macho wirkte ja fast so, als wäre er enttäuscht! Allein seine aufgesetzte Gleichgültigkeit, und der Vergleich mit dem kalten Fisch, sollten wohl darüber hinwegtäuschen, wie sehr ihn die desinteressierte Herablassung der Bedienung wurmte.

Nun, nicht alle Frauen ließen sich mit Geld oder luxuriösen Statussymbolen locken, dachte Patrick voller Schadenfreude, während er seinen Blick vom Gesicht seines Gegenübers zu der Bedienung fliegen ließ, die, jetzt ein beladenes Tablett vor sich her tragend, auf ihren Tisch zusteuerte. Es gab gottlob noch genügend andere, denen ihre Würde wichtiger war als ein teures Geschenk aus der Hand eines selbstherrlichen Lackaffen. Und so wie es aussah, war diese Kellnerin eine von ihnen.

Während man den Teller mit dem Besteck und sein bestelltes Getränk vor ihn hinstellte, hatte Patrick Gelegenheit, die langen, dichten Wimpern und den schön geformten Mund der jungen Frau zu bewundern.

„Ich will das Lachs-Sandwich nicht“, ließ Eddy hören, als sie sich schon wieder zum Gehen bereit machte. „Ein Toast vom Chefkoch wär’ mir lieber.“

Die Angesprochene verzog keine Miene. Sie nickte bloß und sandte die Bestelländerung sogleich in die Küche. Danach ging sie zum Nachbartisch, um abzukassieren.

„Du bist unmöglich“, zischte Patrick erbost. „Was soll das?“

„Ich bin Gast hier“, erwiderte Eddy im herablassenden Tonfall. „Und der Gast ist immer König. Also kann ich meine Meinung ändern, sooft ich das will. Schließlich steht nirgends geschrieben, dass ich mich sofort und unwiderruflich für etwas Bestimmtes entscheiden muss. Und wenn ich’s recht bedenke, dann habe ich gar keinen Hunger. Na ja, wird die Schnecke halt den Teller wieder in die Küche bringen und dem Koch erklären müssen, dass seine Kreation noch einige Wünsche offen lässt.“

Arroganter kleiner Scheißer, dachte Patrick. Allerdings verkniff er sich eine weitere laut geäußerte Kritik, weil er nicht riskieren wollte, dass sein Gegenüber wie eine Rakete hochging und in Gegenwart der anderen Gäste ausfallend wurde.

Es dauerte ein paar Minuten. Dann kam die Bedienung mit dem Essen zurück. Zunächst den Teller vor Patrick abstellend, platzierte sie gleich darauf auch die andere Bestellung vor den sichtlich unzufriedenen Eddy.

„Sonst noch Wünsche?“ Ihre Miene war nach wie vor undurchdringlich. Doch der Blick, mit dem sie ihren Gast jetzt maß, war wachsam und voller Misstrauen.

Die Kellnerin stand so nahe bei ihm, dass Patrick meinte, die Wärme, die von ihr abstrahlte, an seiner Schulter spüren zu können. Zudem stieg ihm der Duft eines zarten Parfüms in die Nase, was ihn sogleich an eine bunte Sommerwiese erinnerte. Doch keine dieser beiden Wahrnehmungen war dafür verantwortlich, dass nun ein wohliger Schauer über seinen Rücken kroch. Vielmehr war es ihre dunkle, samtig weiche Stimme, die jedes Härchen seines Körpers in Hab-Acht-Stellung gehen ließ. So als wäre sie ein aufreizendes Streicheln, löste sie ein Kribbeln auf seiner Kopfhaut und in seiner Magengegend ein merkwürdiges Ziehen aus. Und da auch der Rest seines Körpers in höchst verräterischer Weise reagierte, sog er zischend den Atem ein. Das konnte ja wohl nicht wahr sein! Wieso sprang er allein auf die Stimme einer völlig Fremden dermaßen heftig an? War es nicht vielleicht doch etwas anderes an ihr? Vielleicht ihr Parfüm? …

„Wünsche schon“, ließ Eddy unterdessen im süffisanten Tonfall hören. „Weiß nur nicht, ob du sie mir auch erfüllen würdest, wenn ich sie dir verriete.“ Damit erhob er sich von seinem Stuhl und stellte sich anschließend so hin, dass sie nicht an ihm vorbeikonnte. Seine ursprüngliche Absicht, sie schikanieren zu wollen, war längst wieder vergessen, weil jetzt etwas anderes in seinem Kopf herumspukte.

„Sorry.“ Die junge Frau kniff die Augenlider zu schmalen Schlitzen zusammen, um ihr Gegenüber mit plötzlich offen gezeigtem Widerwillen zu taxieren. „Wenn du mir nicht sagst, was du willst, kann ich nichts mehr für dich tun.“ Sie wollte rückwärtsgehend ausweichen und dann weiter, denn ein anderer Gast winkte nach ihr. Allerdings kam sie nicht von der Stelle, weil man sie unverhofft am Arm packte und so zurückhielt.

„Lass mich sofort wieder los“, zischte sie ungehalten.

„Warum so zickig?“ Eddy grinste ihr frech ins Gesicht. „Ich bin zahlender Kunde. Also musst du nett zu mir sein.“

„So? Muss ich das?“ Sie funkelte ihr dreistes Gegenüber zornig an. „Wer sagt das?“

Ich sage das“, beharrte er, wobei er sie nach wie vor unverschämt angrinste. „Außerdem finde ich, dass du viel zu zugeknöpft bist.“

Patrick ahnte die Bewegung mehr, als dass er sie tatsächlich sah. Aber mit einem Mal lag die freie Hand seines Begleiters auf der Brust der Bedienung.

„Ist das alles echt? Oder ist da eine mobile Überraschung drin?“, wollte der aufdringliche Grapscher wissen.

„Ich hab’ nix zu verbergen“, zischte die Betatschte angriffslustig, indem sie ihrerseits die Hand auf den Brustkorb ihres Widersachers legte, sodass dessen Brustwarze genau zwischen ihrem Daumen und dem Zeigefinger lag. „Und du?“

Auf Patrick wirkten die beiden Gegner wie zwei gleich große Kampfhähne, die kurz davor standen, sich gegenseitig anzuspringen.

Und dann ging alles ganz schnell.

Die junge Frau, die man nach wie vor gegen ihren Willen am Arm festhielt, kniff mit aller Kraft in die Brust des Zudringlichen. Eddy indes stöhnte schmerzerfüllt auf und gab daraufhin den Arm der Kellnerin frei. Doch bevor er zu einem Vergeltungsschlag ausholen konnte, sprang Patrick auf und drängte sich zwischen die beiden Kontrahenten.

„Lass gut sein“, versuchte er den Aufgebrachten zu beschwichtigen. „Du hast es provoziert. Also wirst du sie nicht wieder anfassen! Okay?“

„Dieses Miststück! Das wird sie mir büßen!“ Eddys Gesicht war mittlerweile puterrot vor Wut. „Geh mir aus dem Weg“, verlangte er. „Sie hat ’ne Abreibung verdient!“

„Du wirst sie nicht noch einmal anfassen“, wiederholte der Angeblaffte unbeeindruckt, indem er mit eisernem Griff die Schulter seines Begleiters packte und ihn so an weiteren Aktivitäten hinderte.

„Was soll das, du Idiot?“ Eddy wähnte sich durch die wehrhafte Bedienung öffentlich blamiert und verübelte nun seinem Freund zutiefst, dass dieser die Rache-Aktion verhinderte, die ihm selbst Genugtuung verschaffen sollte. „Wieso schützt du die Schlampe, statt mir zu helfen?“ Seine Stimme drohte zu kippen, so aufgebracht war er.

„Dir helfen?“ Der Beschimpfte runzelte verwundert die Stirn. „Hast du ernsthaft geglaubt, ich lasse zu, dass du eine Frau schlägst? Nur weil …“

„Gibt’s Probleme, meine Herren?“

Patrick schüttelte den Kopf, sah die groß gewachsene Person mit dem brünetten Haar jedoch nicht an, die soeben zu ihnen getreten war. Seine ganze Aufmerksamkeit galt allein seinem Kumpel, weil dieser sich vehement gegen den Griff wehrte, der ihn von seiner Gegnerin fernhalten sollte.

„Alles in Butter“, erklärte er beherrscht. „Er ist nur ein bisschen hibbelig, weil er heute ’nen Espressos zu viel hatte.“

„Wenn das so ist“, erwiderte die Brünette betont freundlich, „dann darf ich euch die Lady sicher entführen.“ Sie wandte sich an die Bedienung: „Luka, schau doch bitte mal nach, wo Nadja bleibt.“

Die fest geballten Fäuste langsam öffnend, ließ die Angesprochene zunächst ihrem zornigen Gegner einen kurzen aber höchst angewidert anmutenden Blick zukommen. Anschließend musterte sie dessen Begleiter von Kopf bis Fuß. Dabei machte sie den Eindruck, als wolle sie etwas sagen. Doch dann ging sie ohne ein Wort davon.

Patrick schaute ihr einen Augenblick lang fasziniert nach, wurde dann aber durch das heftige Zerren seines Begleiters wieder daran erinnert, dass er ihn immer noch festhielt.

„Verflucht noch mal!“ Eddy schien vor lauter Wut nicht zu wissen, was er als Nächstes machen sollte. „Was fällt dir eigentlich ein, du Arsch? Mach das ja nicht noch mal! Kapiert?“ Seine Schulter gewaltsam befreiend, schob er anschließend seine Kleidung wieder in die richtige Lage zurück. „Ich lass mich doch nicht wie einen Deppen behandeln“, schimpfte er. „Von niemandem!“

„Du solltest deinem Freund dankbar sein, dass er dich zurückgehalten hat.“ Der Mund der Brünetten lächelte zwar, doch war an ihren leicht zusammengekniffenen Augen deutlich erkennbar, dass sie verärgert war. „Unsere Mädchen verdienen Respekt, verstehst du! Sie arbeiten hier ziemlich hart, um die Gäste zufriedenzustellen. Aber sie müssen sich körperliche Zudringlichkeiten nicht gefallen lassen, auch wenn Leute, wie du, meinen, dies gehöre zum Service.“

Die Stimme der Frau, die offenbar Chefin des Restaurants war, hatte einen eigenartigen Klang, was Patricks Interesse weckte. Also musterte er die gepflegte, ungewöhnlich große Erscheinung unauffällig von der Seite. Sie war sehr schlank, und in gleicher Weise wie ihre Angestellten gekleidet. Allerdings hatte sie auch noch einen schwarzen, knielangen Gehrock an, an dessen Revers eine rote, seidene Rose befestigt war. Auch sie hatte ihr kastanienbraunes, langes Haar im Nacken zusammengebunden. Allerdings war es bei ihr bis zur Zopfspitze mit einem schwarzen Band umflochten. Allein das Make-up erschien ihm ein wenig übertrieben. Etwas weniger Rouge und Lippenstift hätten es auch getan! Trotzdem fand er sie sympathisch, denn ihr vorangegangener Einsatz für ihre Angestellte ließ erkennen, dass ihr die Menschen, die für sie arbeiteten, tatsächlich wichtig waren.

„Keine Sorge“, versuchte er nun zu beschwichtigen, „Es wird nicht wieder vorkommen. Mein Kumpel hat sich nur einen dummen Scherz erlaubt.“

„Scherz?“, knirschte Eddy dazwischen. „Wenn ich die Mistkröte in die Finger kriege, dann kann sie was erleben!“

„Wenn das so ist, meine Herren, dann will ich mal Klartext reden. Du …“ Die Brünette tippte Eddy mit dem Zeigefinger ans Brustbein, wobei sie sich so nah zu ihm hin beugte, dass ihre Nasenspitze nur noch zwei Handbreit von der seinen entfernt war. „Du bist hier schon ein paar Mal unangenehm aufgefallen. Wenn ich dich nicht jetzt gleich vor die Tür setzen und mit mindestens einem halben Jahr Hausverbot belegen soll, dann benimmst du dich ab sofort anständig. Haben wir uns verstanden?“

Die Empörung des Zurechtgewiesenen war beinahe mit Händen greifbar. Dennoch sagte er nicht ein Wort mehr. Stattdessen warf er sich herum und stürmte mit langen Schritten davon.

Patrick indes stand immer noch auf der Stelle und sah dem Davoneilenden überrascht nach. Eddy ließ sich normalerweise von keiner Frau etwas sagen, geschweige denn vorschreiben! Wieso kuschte er jetzt plötzlich, ganz so, als hätte er es mit jemandem zu tun, der ihm tatsächlich befehlen durfte? Warum wollte er unbedingt vermeiden, dass man ihn hinauswarf?

Weil er auf seine Fragen keine vernünftige Antwort fand, wandte sich Patrick erneut der Restaurant-Chefin zu, um sich noch einmal für den peinlichen Vorfall zu entschuldigen. Anschließend setzte er sich wieder hin und aß sein mittlerweile nur noch lauwarmes Fleisch. Danach vertilgte er auch noch das völlig vergessene Toaste. Als er schließlich seinen Hunger gestillt und die Rechnung bezahlt hatte, kreiste der Zwischenfall immer noch in seinem Kopf herum. Und so überdachte er zum x-ten Mal sein Verhältnis zu seinem ehemaligen Schulkameraden, während er sich gleichzeitig auf den Weg ins Erdgeschoss machte. Er war sich mittlerweile selbst nicht ganz sicher, was sein Jugendfreund wirklich für ihn war. Die anderen betrachteten sie schon seit ihrer Kinderzeit als unzertrennliches Duo. Auch Eddy ging offenbar davon aus, dass sich nichts zwischen ihnen geändert hatte. Aber er selbst legte nicht mehr den geringsten Wert darauf, von Eddy „mein bester Kumpel“ gerufen zu werden, weil ihre Auffassung von Freundschaft ziemlich unterschiedlich war. Zudem besaß jeder von ihnen eine völlig andere Lebenseinstellung, was in letzter Zeit zu einigen Spannungen geführt hatte. Es würde also vermutlich nicht mehr lange dauern, bis sie sich tatsächlich ernsthaft in die Haare gerieten. Vielleicht … Nein, nicht heute Abend! Er hatte heute schon genug Ärger mit seinem Chef gehabt, der mit der geleisteten Arbeit nicht zufrieden gewesen war. Da brauchte er nicht auch noch eine Auseinandersetzung mit Eddy, die bestimmt richtig fies werden würde, sobald dieser begriff, dass man sich schon lange nicht mehr zu seinen Gefolgsleuten zugehörig fühlte.