Bis zum letzten Atemzug - Du kannst mir nicht entkommen

Print-Book ISBN: 978-3-7450-4227-6 

E-Book (Kindle-Edition) ASIN: B00R4OR4L8

 

Textauszug / Leseprobe 

 

1

 

Das wiederholte, jedes Mal länger dauernde Hupen eines Autos löste bei Patrick einen gereizten Seufzer aus. Er war erst eine Viertelstunde zuvor nach Hause gekommen, weil er Überstunden machen musste, um einen dringenden Auftrag zu Ende zu bringen. Und weil er völlig verdreckt und verschwitzt gewesen war, hatte er sich zuallererst eine ausgiebige Dusche gegönnt. Doch nun blieb ihm noch nicht einmal Zeit genug, um sich zu rasieren, geschweige denn seinen Bärenhunger zu stillen.

Sein modisch kurz geschnittenes, immer noch feuchtes Haar kurz mit den Fingern durchkämmend, schlüpfte der groß gewachsene Mittzwanziger gleich darauf in die frische Kleidung, um anschließend in seine Schuhe zu steigen. Und sobald seine Schnürsenkel gebunden waren, ging er zum Fenster, um einen kurzen Blick auf die Straße hinab zu werfen. Der Kerl war einfach unmöglich, grollte er. Eddy scherte sich offenbar den Teufel darum, dass sein Verhalten eine Zumutung für andere war. Also würde es wieder einmal Beschwerden von Seiten der genervten Nachbarn hageln, die sich durch den Lärm belästigt fühlten.

Trotz seiner zunehmenden Gereiztheit, langte Patrick nach seinem Geldbeutel, um ihn in die Gesäßtasche seiner Jeans zu schieben. Gleich darauf griff er sich seine Jacke und verließ dann sein Apartment, um die Treppe hinunter zu laufen. Fast schon an der Haustür angelangt, hörte er den Mieter aus der ersten Etage hinter sich her schimpfen. Also schickte er umgehend eine Entschuldigung zurück, um den Mann zu beschwichtigen, der mit einem Anruf bei der Polizei gedroht hatte. Danach trat er eilig aus dem Haus, was ein weiteres Hupkonzert verhinderte.

„Hab ich dir nicht gesagt, dass du das lassen sollst?“, grollte er, sobald Eddys Sportcoupé erreicht und die Beifahrertür geöffnet war. „Ich hab keine Lust, vor die Tür gesetzt zu werden, nur weil es dir nicht schnell genug geht!“ Sein Golf stand mit defekter Lichtmaschine in der Werkstatt. Also stieg er nun in den Wagen seines Kumpels ein, wobei er sich immer noch darüber ärgerte, dass man ihn auf solch unverschämte Weise zur Eile getrieben hatte.

„Jetzt krieg dich mal wieder ein“, erwiderte der Getadelte im amüsierten und zugleich herablassend klingenden Tonfall. „So ’ne billige Bude passt eh nicht zu dir. Warum suchst du dir nicht was Besseres? Du weißt doch, wenn deine Kohle nicht reichen sollte, musst du nur was sagen.“ Damit startete er den Motor und fuhr umgehend los.

Patrick sparte sich eine entsprechende Erwiderung, wohl wissend, dass sie ohnehin nur zu einer fruchtlosen Diskussion führen würde. Sicher, seine Wohnung war im Vergleich zu Eddys Penthaus winzig. Und luxuriös konnte man sie schon gar nicht nennen. Aber sie war seine Festung! Eben ein richtiges Zuhause und kein angeberisches Vorzeigeobjekt. Außerdem dachte er nicht im Traum daran, sich von Eddy unter die Arme greifen zu lassen, weil er diesem nichts schuldig sein wollte.

„Können wir erst mal zu Francesco fahren?“, verlangte er. „Bin grade erst heimgekommen. Hab einen Mordshunger.“

„Dass du immer noch in diesen Saftladen gehst, um für einen Hungerlohn bis in die Nacht zu schuften, ist mir nach wie vor ein Rätsel.“ Vor einer roten Ampel stehend, bedachte Eddy seinen Freund mit einem mitleidig anmutenden Blick. „Wann wirst du endlich vernünftig?“

Der Gefragte presste bloß die Lippen aufeinander. Immer die gleiche Leier, dachte er genervt. Eddy konnte einfach nicht begreifen, dass man als Normalsterblicher arbeiten musste. Er brauchte sich ja auch um nichts zu kümmern, denn er war von Haus aus bestens versorgt.

„Ich hab Hunger“, beharrte er. „Wenn dir das mit der Pizzeria zu lange dauert, musst du mich halt bei Francesco absetzen und dann ohne mich ins Westside.“

„Westside ist ’n alter Hut“, winkte Eddy ab. „Die Jungs und ich haben nämlich vor drei Wochen was ganz Besonderes aufgetan. Wirst staunen, alter Junge. Und für deinen leeren Magen kriegst du da auch was.“

Patrick schwieg, denn er wusste nun, wo der Abend enden würde - nämlich in irgendeiner Discothek, wo ein paar schöne Mädchen herumliefen, die, mehr oder weniger angezogen, die Getränke und vielleicht auch ein paar Snacks an den Kunden brachten. Er hatte sich fast vier Wochen lang erfolgreich davor drücken können, mitzugehen. Aber als Eddy am Nachmittag angerufen hatte, war es ihm einfach nicht gelungen, sein Nein unmissverständlich klar zu machen, weil sein Chef grundsätzlich darauf bestand, dass niemand während der Arbeitszeit telefonierte – es sei denn, es lag ein Notfall vor. Und da Eddy so penetrant gewesen war, hatte er sich auf die Schnelle eine Zusage abringen lassen, damit Ruhe war.

„Also, wohin?“, fragte er ergeben.

„Ins ehemalige Dancefloor“, antwortete Eddy.

Ein hässlicher Schuppen im Industriegebiet, schoss es Patrick daraufhin durch den Kopf. Den hatte man eigentlich schon vor einem Jahr abgehakt, weil es da bloß nervige Musik und schlecht gemixte Drinks gab, die meist zu viel minderwertigen Alkohol enthielten. Außerdem konnte er sich noch gut daran erinnern, wie blöd er sich jedes Mal vorgekommen war, sobald er sich der Gesichtskontrolle stellen musste, die von schrankbreiten, wie Schwerverbrecher aussehenden Türstehern durchgeführt wurde. Zudem hatte das Publikum im Dancefloor aus Leuten bestanden, die er nicht unbedingt näher kennen wollte. Also, wenn ’s nach ihm gegangen wäre, dann hätte er jetzt liebend gern kehrt gemacht und den Abend zu Hause verbracht!

„Das Ding ist von ’nem neuen Mann übernommen und umbenannt worden“, schwatzte Eddy unterdessen weiter. „Wirst staunen, was der aus dem Laden gemacht hat.“

 

Bereits auf dem weitläufigen Parkplatz der Discothek, die sich jetzt Playground nannte, wurde Patrick klar, dass der neue Inhaber in den vergangenen Monaten tatsächlich ein paar erfreuliche Veränderungen vorgenommen hatte. Die grellen Farben der ehedem weit sichtbaren Fassade waren einem neutralen Anstrich gewichen, so dass der Namenszug der Discothek, der an drei Seiten des Bauwerks als fantasievolles Graffiti aufgebracht war, gut sichtbar zur Geltung kam. Auch der Eingangsbereich, der einem Treppenaufgang vorgelagert war, wirkte nun viel freundlicher.

Die Türsteher gab es immer noch. Allerdings waren es jetzt gänzlich andere Gesichter, die, nun direkt vor der schallgedämmten Tür zum eigentlichen Vergnügungstempel stehend, den Besuchern freundlich aber sehr wachsam entgegen sahen. Hin und wieder musste ein Gast eine gründliche Durchsuchung seiner Taschen über sich ergehen lassen. Doch erfolgte dies offenbar aus begründetem Misstrauen, denn in den meisten Fällen kamen dabei Dinge zum Vorschein, die in einer Discothek nichts zu suchen hatten.

„Wir gehen erst mal da rauf“, bestimmte Eddy, indem er zur Treppe zeigte. „Der neue Inhaber hat da nämlich eine kleine aber feine Futterbude eingerichtet. Sozusagen als zweites Standbein. Musst du dir unbedingt ansehen.“

„Okay.“ Während er seinem Begleiter folgte, der nun im Eiltempo die Stufen hinauf stieg, überprüfte Patrick den Inhalt seines Geldbeutels.

„Komm schon“, befahl Eddy, dem es nicht schnell genug ging. „Schwing die Hufe, Mann!“

Der so Gedrängte gehorchte, auch wenn ihm das herrische Gebaren seines Kumpels entschieden gegen den Strich ging. Als er schließlich am Eingang des Restaurants ankam, blieb er wiederum stehen, um sich den Namenszug anzusehen, der über der Tür hing. Nun, Salt & Pepper war jetzt nicht unbedingt sehr originell, stellte er fest. Aber es kam ja nicht auf Äußerlichkeiten an, sondern auf die Qualität des Essens und die Leute, die sich um das Wohl der Gäste kümmerten.

Das Restaurant selbst war in der Tat nicht besonders groß. Ungeachtet Eddys offenkundiger Ungeduld, warf Patrick einen kurzen Blick durch die halbhohe Pendeltür in die Küche hinein, um sich dann der Betrachtung der Einrichtung zu widmen, die hell und modern wirkte. Allein die Enge gefiel ihm nicht, denn er mochte es nicht besonders, wenn man ihm vom Nachbartisch aus auf den Teller glotzen konnte.

Endlich bei seinem Begleiter angelangt, ließ er sich auf einen der Stühle gleiten und griff gleichzeitig nach der ausgelegten Speisekarte. Er hatte die Auflistung kaum überflogen, da blieb auch schon eine Kellnerin an ihrem Tisch stehen.

„Ich nehme das Schweinesteak vom Grill“, sagte er, indem er die junge Frau kurz musterte, die anhand eines Ordermailers ihre Bestellung direkt an die Küche übermitteln wollte. „Dazu ein Mineralwasser.“ Das schlichte weiße Herrenhemd, samt Fliege unter dem Kinn, und die schmal geschnittene schwarze Hose standen ihr wirklich hervorragend, lobte er im Stillen. An einem breiten Gürtel um ihre schmale Taille hingen jeweils an einer festen Gliederkette ihr Aufnahmegerät sowie der große Geldbeutel. Und ihre Füße steckten in flachen Schnürschuhen, die auf Hochglanz poliert waren. Ihre Aufmachung ließ sie zwar größer erscheinen, aber mehr als eins siebzig konnte sie auf keinen Fall sein. Das vermutlich schulterlange Haar war streng nach hinten gekämmt und im Nacken zu einem Zopf gebunden worden, was einen perfekt geformten Kopf sichtbar machte. Ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen und einer kleinen geraden Nase über einem sinnlichen Mund schien in einer unverbindlich wirkenden Miene eingefroren. Allein die blaugrauen Augen, die durch ein modernes Brillengestell auf den Betrachter herabsahen, wirkten leicht amüsiert und wachsam zugleich.

„Für mich ein Lachs-Sandwich und eine Cola.“ Während er sprach, ließ sich auch Eddy lässig in seinem Stuhl zurücksinken, um die Bedienung ausgiebig zu mustern. „Muss ja nachher meinen Sportflitzer heil nach Hause bringen.“ Als sie daraufhin nur nickte und dann zum nächsten Tisch ging, presste er kurz die Lippen aufeinander. „Ist zwar niedlich, die Kleine, aber kalt wie ’n Fisch“, stellte er fest, indem er sich wieder seinem Begleiter zuwandte.

Patrick lächelte das sichtlich nervöser werdende Mädchen am Nachbartisch ein letztes Mal an, um sich anschließend wieder auf seinen Begleiter zu konzentrieren. Das waren ja ganz ungewohnte Töne von Eddy, dachte er überrascht. Der sonst scheinbar durch nichts zu erschütternde Macho wirkte ja fast so, als wäre er enttäuscht!? Allein seine aufgesetzte Gleichgültigkeit, und der Vergleich mit dem kalten Fisch, sollten wohl darüber hinwegtäuschen, wie sehr ihn die desinteressierte Herablassung der Bedienung wurmte.

Nun, nicht alle Frauen ließen sich mit Geld oder luxuriösen Statussymbolen locken, dachte Patrick voller Schadenfreude, während er seinen Blick vom Gesicht seines Gegenübers zu der Bedienung fliegen ließ, die, jetzt ein beladenes Tablett vor sich her tragend, auf ihren Tisch zusteuerte. Es gab gottlob noch genügend andere, denen ihre Würde wichtiger war, als ein teures Geschenk aus der Hand eines selbstherrlichen Lackaffen. Und so wie es aussah, war diese Kellnerin eine von ihnen.

Während man den Teller mit dem Besteck und sein bestelltes Getränk vor ihn hinstellte, hatte Patrick Gelegenheit, die langen, dichten Wimpern und den schön geformten Mund der jungen Frau zu bewundern.

„Ich will das Lachs-Sandwich nicht“, ließ Eddy hören, als sie sich schon wieder zum Gehen bereit machte. „Ein Toaste vom Chefkoch wär mir lieber.“

Die Angesprochene verzog keine Miene. Sie nickte bloß und sandte die Bestelländerung sogleich in die Küche. Danach ging sie zum Nachbartisch, um abzukassieren.

„Du bist unmöglich“, zischte Patrick erbost. „Was soll das?“

„Ich bin Gast hier“, erwiderte Eddy im herablassenden Tonfall. „Und der Gast ist immer König. Also kann ich meine Meinung ändern, sooft ich das will. Schließlich steht nirgends geschrieben, dass ich mich sofort und unwiderruflich für etwas Bestimmtes entscheiden muss. Und wenn ich ’s recht bedenke, dann habe ich eigentlich gar keinen Hunger. Na ja, wird die Schnecke halt den Teller wieder in die Küche bringen und dem Koch erklären müssen, dass seine Kreation noch einige Wünsche offen lässt.“

Arroganter kleiner Scheißer, dachte Patrick. Allerdings verkniff er sich eine weitere laut geäußerte Kritik, weil er nicht riskieren wollte, dass sein Gegenüber wie eine Rakete hochging und in Gegenwart der anderen Gäste ausfallend wurde.

Es dauerte ein paar Minuten. Dann kam die Bedienung mit dem Essen zurück. Zunächst den Teller vor Patrick abstellend, platzierte sie gleich darauf auch die andere Bestellung vor den sichtlich unzufriedenen Eddy.

„Sonst noch Wünsche?“ Ihre Miene war nach wie vor undurchdringlich. Doch der Blick, mit dem sie ihren Gast jetzt maß, war wachsam und voller Misstrauen.

Die Kellnerin stand so nahe bei ihm, dass Patrick meinte, die Wärme, die von ihr abstrahlte, an seiner Schulter spüren zu können. Zudem stieg ihm der Duft eines zarten Parfüms in die Nase, was ihn sogleich an eine bunte Sommerwiese erinnerte. Doch keine dieser beiden Wahrnehmungen war dafür verantwortlich, dass nun ein wohliger Schauer über seinen Rücken kroch. Vielmehr war es ihre dunkle, samtig weiche Stimme, die jedes Härchen seines Körpers in Hab-Acht-Stellung gehen ließ. So als wäre sie ein aufreizendes Streicheln, löste sie ein Kribbeln auf seiner Kopfhaut und in seiner Magengegend ein merkwürdiges Ziehen aus. Und da auch der Rest seines Körpers in höchst verräterischer Weise reagierte, sog er zischend den Atem ein. Das konnte ja wohl nicht wahr sein! Wieso sprang er allein auf die Stimme einer völlig Fremden dermaßen heftig an? War es nicht vielleicht doch etwas anderes an ihr? Vielleicht ihr Parfüm? …

„Wünsche schon“, ließ Eddy unterdessen im süffisanten Tonfall hören. „Weiß nur nicht, ob du sie mir auch erfüllen würdest, wenn ich sie dir verriete.“ Damit erhob er sich von seinem Stuhl und stellte sich anschließend so hin, dass sie nicht an ihm vorbei konnte. Seine ursprüngliche Absicht, sie schikanieren zu wollen, war längst wieder vergessen, weil jetzt etwas anderes in seinem Kopf herum spukte.

„Sorry.“ Die junge Frau kniff die Augenlider zu schmalen Schlitzen zusammen, um ihr Gegenüber mit plötzlich offen gezeigtem Widerwillen zu taxieren. „Wenn du mir nicht sagst, was du willst, kann ich nichts mehr für dich tun.“ Sie wollte rückwärtsgehend ausweichen und dann weiter, denn ein anderer Gast winkte nach ihr. Allerdings kam sie nicht von der Stelle, weil man sie unverhofft am Arm packte und so zurückhielt.

„Lass mich sofort wieder los“, zischte sie ungehalten.

„Warum so zickig?“ Eddy grinste ihr frech ins Gesicht. „Ich bin zahlender Kunde. Also musst du nett zu mir sein.“

„So? Muss ich das?“ Sie funkelte ihr dreistes Gegenüber zornig an. „Wer sagt das?“

Ich sage das“, beharrte er, wobei er sie nach wie vor unverschämt angrinste. „Außerdem finde ich, dass du viel zu zugeknöpft bist.“

Patrick ahnte die Bewegung mehr, als dass er sie tatsächlich sah. Aber mit einem Mal lag die freie Hand seines Begleiters auf der Brust der Bedienung.

„Ist das alles echt? Oder ist da eine mobile Überraschung drin?“, wollte der aufdringliche Grapscher wissen.

„Ich hab nix zu verbergen“, zischte die Betatschte angriffslustig, indem sie ihrerseits die Hand auf den Brustkorb ihres Widersachers legte, so dass dessen Brustwarze genau zwischen ihrem Daumen und dem Zeigefinger lag. „Und du?“

Auf Patrick wirkten die beiden Gegner wie zwei gleich große Kampfhähne, die kurz davor standen, sich gegenseitig anzuspringen.

Und dann ging alles ganz schnell.

Die junge Frau, die man nach wie vor gegen ihren Willen am Arm festhielt, kniff mit aller Kraft in die Brust des Zudringlichen. Eddy indes stöhnte schmerzerfüllt auf und gab daraufhin den Arm der Kellnerin frei. Doch bevor er zu einem Vergeltungsschlag ausholen konnte, sprang Patrick auf und drängte sich zwischen die beiden Kontrahenten.

„Lass gut sein“, versuchte er den Aufgebrachten zu beschwichtigen. „Du hast es provoziert. Also wirst du sie nicht wieder anfassen! Okay?“

„Dieses Miststück! Das wird sie mir büßen!“ Eddys Gesicht war mittlerweile puterrot vor Wut. „Geh mir aus dem Weg“, verlangte er. „Sie hat ’ne Abreibung verdient!“

„Du wirst sie nicht noch einmal anfassen“, wiederholte der Angeblaffte unbeeindruckt, indem er mit eisernem Griff die Schulter seines Begleiters packte und ihn so an weiteren Aktivitäten hinderte.

„Was soll das, du Idiot?“ Eddy wähnte sich durch die wehrhafte Bedienung öffentlich blamiert und verübelte nun seinem Freund zutiefst, dass dieser die Rache-Aktion verhinderte, die ihm selbst Genugtuung verschaffen sollte. „Wieso schützt du die Schlampe, statt mir zu helfen?“ Seine Stimme drohte zu kippen, so aufgebracht war er.

„Dir helfen?“ Der Beschimpfte runzelte verwundert die Stirn. „Hast du ernsthaft geglaubt, ich lasse zu, dass du eine Frau schlägst? Nur weil …“

„Gibt ’s Probleme, meine Herren?“

Patrick schüttelte den Kopf, sah die groß gewachsene Person mit dem brünetten Haar jedoch nicht an, die soeben zu ihnen getreten war. Seine ganze Aufmerksamkeit galt allein seinem Kumpel, weil dieser sich vehement gegen den Griff wehrte, der ihn von seiner Gegnerin fern halten sollte.

„Alles in Butter“, erklärte er beherrscht. „Er ist nur ein bisschen hibbelig, weil er heute ’nen Espressos zu viel hatte.“

„Wenn das so ist“, erwiderte die Brünette betont freundlich, „dann darf ich euch die Lady sicher entführen.“ Sie wandte sich an die Bedienung: „Luka, schau doch bitte mal nach, wo Nadja bleibt.“

Die fest geballten Fäuste langsam öffnend, ließ die Angesprochene zunächst ihrem zornigen Gegner einen kurzen aber höchst angewidert anmutenden Blick zukommen. Anschließend musterte sie dessen Begleiter von Kopf bis Fuß. Dabei machte sie den Eindruck, als wolle sie etwas sagen. Doch dann ging sie ohne ein Wort davon.

Patrick schaute ihr einen Augenblick lang fasziniert nach, wurde dann aber durch das heftige Zerren seines Begleiters wieder daran erinnert, dass er ihn immer noch festhielt.

„Verflucht noch mal!“ Eddy schien vor lauter Wut nicht zu wissen, was er als Nächstes machen sollte. „Was fällt dir eigentlich ein, du Arsch? Mach das ja nicht nochmal! Kapiert?“ Seine Schulter gewaltsam befreiend, schob er anschließend seine Kleidung wieder in die richtige Lage zurück. „Ich lass mich doch nicht wie einen Deppen behandeln“, schimpfte er. „Von niemandem!“

„Du solltest deinem Freund dankbar sein, dass er dich zurückgehalten hat.“ Der Mund der Brünetten lächelte zwar, doch war an ihren leicht zusammengekniffenen Augen deutlich erkennbar, dass sie verärgert war. „Unsere Mädchen verdienen Respekt, verstehst du! Sie arbeiten hier ziemlich hart, um die Gäste zufriedenzustellen. Aber sie müssen sich körperliche Zudringlichkeiten nicht gefallen lassen, auch wenn Leute, wie du, meinen, dies gehöre zum Service.“

Die Stimme der Frau, die offenbar Chefin des Restaurants war, hatte einen eigenartigen Klang, was Patricks Interesse weckte. Also musterte er die gepflegte, ungewöhnlich große Erscheinung unauffällig von der Seite. Sie war sehr schlank, und in gleicher Weise wie ihre Angestellten gekleidet. Allerdings hatte sie auch noch einen schwarzen, knielangen Gehrock an, an dessen Revers eine rote, seidene Rose befestigt war. Auch sie hatte ihr kastanienbraunes, rückenlanges Haar im Nacken zusammengebunden. Allerdings war es bei ihr bis zur Zopfspitze mit einem schwarzen Band umflochten. Allein das Make-up erschien ihm ein wenig übertrieben. Etwas weniger Rouge und Lippenstift hätten es auch getan! Trotzdem fand er sie sympathisch, denn ihr vorangegangener Einsatz für ihre Angestellte ließ erkennen, dass ihr die Menschen, die für sie arbeiteten, tatsächlich wichtig waren.

„Keine Sorge“, versuchte er nun zu beschwichtigen, „Es wird nicht wieder vorkommen. Mein Kumpel hat sich nur einen dummen Scherz erlaubt.“

„Scherz?“, knirschte Eddy dazwischen. „Wenn ich die Mistkröte in die Finger kriege, dann kann sie was erleben!“

„Wenn das so ist, meine Herren, dann will ich mal Klartext reden.  Du ...“ Die Brünette tippte Eddy mit dem Zeigefinger ans Brustbein, wobei sie sich so nah zu ihm hin beugte, dass ihre Nasenspitze nur noch zwei Handbreit von der seinen entfernt war. „Du bist hier schon ein paar Mal unangenehm aufgefallen. Wenn ich dich nicht jetzt gleich vor die Tür setzen und mit mindestens einem halben Jahr Hausverbot belegen soll, dann benimmst du dich ab sofort anständig. Haben wir uns verstanden?“

Die Empörung des Zurechtgewiesenen war beinahe mit Händen greifbar. Dennoch sagte er nicht ein Wort mehr. Stattdessen warf er sich herum und stürmte mit langen Schritten davon.

Patrick indes stand immer noch auf der Stelle und sah dem Davoneilenden überrascht nach. Eddy ließ sich normalerweise von keiner Frau etwas sagen, geschweige denn vorschreiben! Wieso kuschte er jetzt plötzlich, ganz so, als hätte er es mit jemandem zu tun, der ihm tatsächlich befehlen durfte? Warum wollte er unbedingt vermeiden, dass man ihn hinauswarf?

 

Weil er auf seine Fragen keine vernünftige Antwort fand, wandte sich Patrick erneut der Restaurant-Chefin zu, um sich noch einmal für den peinlichen Vorfall zu entschuldigen. Anschließend setzte er sich wieder hin und aß sein mittlerweile nur noch lauwarmes Fleisch. Danach vertilgte er auch noch das völlig vergessene Toaste. Als er schließlich seinen Hunger gestillt und die Rechnung bezahlt hatte, kreiste der Zwischenfall immer noch in seinem Kopf herum. Und so überdachte er zum x-ten Mal sein Verhältnis zu seinem ehemaligen Schulkameraden, während er sich gleichzeitig auf den Weg ins Erdgeschoss machte. Er war sich mittlerweile selbst nicht ganz sicher, was sein Jugendfreund wirklich für ihn war. Die anderen betrachteten sie schon seit ihrer Kinderzeit als unzertrennliches Duo. Auch Eddy ging offenbar davon aus, dass sich nichts zwischen ihnen geändert hatte. Aber er selbst legte nicht mehr den geringsten Wert darauf, von Eddy „mein bester Kumpel“ gerufen zu werden, weil ihre Auffassung von Freundschaft ziemlich unterschiedlich war. Zudem besaß jeder von ihnen eine völlig andere Lebenseinstellung, was in letzter Zeit zu einigen Spannungen geführt hatte. Es würde also vermutlich nicht mehr lange dauern, bis sie sich tatsächlich ernsthaft in die Haare gerieten. Vielleicht … Nein, nicht heute Abend! Er hatte heute schon genug Ärger mit seinem Chef gehabt, der mit der geleisteten Arbeit nicht zufrieden gewesen war. Da brauchte er nicht auch noch eine Auseinandersetzung mit Eddy, die bestimmt richtig fies werden würde, sobald dieser begriff, dass man sich schon lange nicht mehr zu seinen Gefolgsleuten zugehörig fühlte.

 

Als Patrick hörte, wie viel er bezahlen sollte, um in die Discothek eingelassen zu werden, schluckte er erst einmal. Weil er jetzt aber doch neugierig war, wie es wohl im Inneren aussehen mochte, legte er die verlangte Summe zähneknirschend auf die offene Handfläche eines Türstehers. Ja, dachte er, während einer der anderen Aufpasser einen fluoreszierenden Stempelabdruck auf seinem Unterarm platzierte, so konnte man auch dafür sorgen, dass das Lokal nur von gut betuchtem Publikum frequentiert wurde. Ein Normalsterblicher überlegte es sich nämlich zweimal, ob er wirklich so viel investieren wollte, nur um rein gelassen und so zu einem vermeintlich exklusiven Kreis dazu gezählt zu werden.

Obwohl er in der Vergangenheit oft da gewesen war, erschien Patrick das Innere der Disko auf den ersten Blick völlig fremd. Die Tanzhalle wirkte jetzt um einiges größer und heller, obwohl die Einrichtung immer noch aus dunklem Holz bestand. Allein die vielen überdimensionalen Spiegel, die man in die Wand-Vertäfelungen eingelassen hatte, gaukelten einem jetzt eine Weite vor, die nicht wirklich vorhanden war. Nun, Halle war nicht unbedingt das richtige Wort, denn der ebenerdige Bereich wurde von einer breiten und rundum laufenden Galerie eingerahmt, zu welcher zwei geschwungene Treppenaufgänge hinaufführten. Allein die Decke schien neu gemacht, denn da waren keine Disko-Kugeln und auch keine sichtbaren Scheinwerfer mehr.

Patrick verharrte für einen Moment auf der Stelle, um den Kopf in den Nacken zu legen und hinaufzuschauen. Dabei bekam er plötzlich den Eindruck, er stünde in einem überdachten Amphitheater, dessen vermeintlich durchsichtige Kuppel so real wirkte, als wäre da tatsächlich ein nachtschwarzer Himmel mit hell blinkenden Sternen. Später sollte er erfahren, dass man allerlei elektrische Spielereien sowie notwendige Beleuchtungseinheiten in die neue Deckenkonstruktion integriert hatte, um genau diesen Eindruck hervorrufen zu können.

Die ehedem aus allen Richtungen frei zugängliche Galerie bestand jetzt aus zwei Bereichen, stellte Patrick bei näherem Hinsehen fest. Der Großteil war nach wie vor mit Sitzgelegenheiten und niedrigen Beistelltischen vollgestellt, was schon zu Dancefloor-Zeiten für die Besucher gedacht gewesen war, die sich nicht stundenlang im Gedränge der Massen herum schubsen lassen wollten. Aber aus dem Teil, der sich über dem Eingangsbereich der Tanzhalle befand, hatte man offenbar so etwas wie eine komplett durch Trennwände separierte Bühne geschaffen, die man durch eine transparente Balustrade hindurch bis zum letzten Winkel einsehen konnte. Und genau dort hatte der DJ seinen neuen Platz erhalten. Wozu er so viel Raum benötigte, war allerdings nicht nachvollziehbar, denn der hyperaktive Typ brauchte, trotz seines Gekaspers und dem umfangreich scheinenden Equipment, maximal eine Fläche von acht Quadratmetern. Doch länger darüber nachzudenken schien ihm müssig, weil er davon ausging, dass diese Maßnahme bestimmt einen Grund hatte, den er schon bald erfahren würde. Also sah er sich weiter neugierig um, denn da gab es noch einiges zu entdecken.

Patricks Blick blieb für ein paar Sekunden an einer auffällig gestylten Blondine mit Cocktail-Glas in der Hand hängen, die nur ein paar Schritte entfernt von ihm scheinbar gelangweilt an der Theke der ellenlangen Bar lehnte. Da sie jedoch für seinen Geschmack zu stark geschminkt und zudem auch schon ziemlich angetrunken war, schaute er sich die nächste Schöne an. Und das war wiederum eine Kellnerin im bis zum Kinn zugeknöpften Outfit. Wie es den anderen Jungs ging, wusste er nicht. Aber ihm schien die aufmerksam und zugleich distanziert wirkende junge Frau weitaus interessanter, als die Mädchen, welche vor einem Jahr im extravaganten Minimum-Look – also wirklich nur mit dem Allernotwendigsten am Leibe – ihren Dienst verrichtet hatten. Nur eines war nicht geändert worden, stellte er ein bisschen enttäuscht fest, sobald ihm aufging, zu welchem Zweck die frei gebliebenen Flächen auf dem DJ-Balkon dienten. Auch der neue Manager wollte offenbar nicht darauf verzichten, sein Publikum durch Animateurinnen anheizen zu lassen. Gut, die Mädchen, die jetzt links und rechts des Platten-Auflegers in Position gingen, waren bei weitem nicht so entblößt, wie ihre Vorgängerinnen, denn statt knapper Pants und Bikini-Tops trugen sie silbergraue lange Hosen und hüftlange Tunika, was an die futuristischen Uniformen von All-Reisenden erinnerte. Dennoch wirkten sie auf ihn ziemlich albern, wie sie da im sorgsam einstudierten Einklang ihre Choreographie abspulten.

Seinen Blick von den Tänzerinnen abwendend, entdeckte Patrick seinen Begleiter am entgegengesetzten Ende der Bar, wo dieser sich gerade einen Cocktail nach eigenen Wünschen mixen ließ. Im Grunde hatte er gar keine Lust, noch länger zu bleiben, denn es gab nichts Neues mehr zu sehen. Selbst die Möglichkeit einer neuen Eroberung reizte ihn nicht, weil die Mädchen, die ohne Begleitung da waren, allesamt nicht seinen Erwartungen entsprachen. Dennoch bestellte er sich ein Gin-Tonic und ging dann langsam in die Richtung, wo Eddy stand. Blöd, dachte er dabei für sich, dass er nicht mit dem eigenen Wagen da war. Na ja, sobald er ausgetrunken hatte, würde er sich verabschieden und dann zusehen, dass er einen Bus erwischte, der in seine Richtung fuhr. Und falls das nicht klappte, gab es ja auch noch Taxis.

„Du Verräter“, zischte Eddy böse, sobald er seinen Freund bemerkte. „Das hätte ich echt nicht von dir erwartet!“

„Was denn?“ Patrick war sich keiner Schuld bewusst. „Hätte ich vielleicht zulassen sollen, dass du dich an einem schwachen Mädchen vergreifst, nur weil es sich nicht befummeln lassen wollte? Außerdem: Wär ich nicht dazwischen gegangen, wärst du jetzt nicht mehr hier drin!“

Da war was Wahres dran, musste sich Eddy eingestehen. Sein bester Kumpel hatte wirklich verhindert, dass man ihn auf höchst peinliche Weise raus schmiss. Dennoch wühlte der Zorn immer noch so heftig in seinem Bauch, dass er unbedingt ein Ventil brauchte, um sich abzureagieren.

„Diese elende Tunte!“ Das neue Ziel seiner Wut, in Gestalt der brünetten Frau aus dem Restaurant, stand gerade ein paar Schritte entfernt und unterhielt sich mit einem der Gäste. „Auch wenn ihm der Laden gehört, kann er nicht so mit mir umspringen! Der wird noch sein blaues Wunder erleben!“ Er hatte das letzte Wort kaum ausgesprochen, da registrierte er die Verständnislosigkeit im Gesicht seines Gesprächspartners, und lachte daraufhin schallend los. „Hast du das etwa nicht mitgekriegt?“, japste er schließlich. „Die Lady da drüben“, er deutete mit dem Zeigefinger auf die Person, die er meinte. „Das ist ein Kerl! Genauso wie einige seiner Lakaien! Jetzt guck nicht so doof. Ist doch ein offenes Geheimnis hier! Deshalb hab ich auch bei der Kleinen im Salt & Pepper mal nachgefühlt. Wollte einfach nur wissen, was sie wirklich ist.“

Patrick schluckte erst einmal kräftig, denn die Tatsache, dass man es geschafft hatte, ihn derart gründlich hinters Licht zu führen, überraschte ihn selbst am meisten. Er besaß doch sonst so ein gutes Auge für das schöne Geschlecht! Ja, er bildete sich sogar ein, sofort erkennen zu können, was bei einer Frau echt oder was ein künstlich erzeugter Eye-Catcher war! Also: Warum war ihm nicht gleich aufgefallen, dass die Gestalt im Gehrock keine typisch weibliche Stimme besaß? Wieso … Na ja, bei Luka klang sie ja auch ziemlich tief. … Aber die war auf jeden Fall weiblich! Ja, da war er sich absolut und hundertprozentig sicher!

Dem Manager, der sich nun durch die Tanzenden schlängelte, einen langen Blick nachschickend, grinste Patrick mit einem Mal über das ganze Gesicht. Das war also der besondere Kick in diesem Laden! Es waren vermutlich nicht nur die Kellnerinnen, die das Publikum darüber rätseln ließen, mit welchem Geschlecht man es nun wirklich zu tun hatte. Vielmehr war davon auszugehen, dass sich in der Menge auch einige Gäste tummelten, die man sonst nur in Travestie-Shows oder speziellen Clubs fand. Zugegeben, Männer in Frauenkleidern waren nicht unbedingt sein Ding. Aber er hatte auch nichts dagegen, wenn abseits der Norm veranlagte oder experimentierfreudige Menschen ihre Phantasien auslebten. Vorausgesetzt, es wurde niemandem etwas gegen seinen Willen aufgezwungen!

„Wir sollten uns zu den Jungs setzen“, unterbrach Eddy die Überlegungen seines Freundes. „Die Show fängt gleich an.“ Damit nahm er seinen fertigen Drink und machte sich anschließend auf den Weg zur Galerie. Oben angekommen, steuerte er sogleich eine der Sitzgruppen an, die in der Nähe der Abtrennung zur Bühne stand. Dabei sah er sich immer wieder nach seinem Begleiter um, um so sicherzustellen, dass dieser ihm auch wirklich folgte.

Obwohl ihm der Rest der Clique ziemlich zuwider war, folgte Patrick seinem Vordermann auf den Fuß. Na ja, er konnte nichts Konkretes beweisen, gestand er sich ein. Aber die Gestalten, die sein ehemaliger Schulkamerad seit einiger Zeit um sich scharte, waren allesamt irgendwie schräg drauf. Sie taten entweder sehr herzlich miteinander, oder sie gingen sich gegenseitig an die Gurgel. Nun, heute Abend würde er zum letzten Mal mit ihnen an einem Tisch sitzen, schwor er sich. Und das auch nur, weil er zum einen sein Gin-Tonic in Ruhe austrinken und zum anderen herausfinden wollte, warum Eddy so erpicht darauf war, die nächste Vorführung zu sehen.

„Geht gleich los“, versprach dieser, indem er seinen besten Freund zu sich auf den Zweisitzer zog, den man in aller Eile für ihn freigemacht hatte. „Pass auf, gleich wirst du was sehen, was dich garantiert aus den Schuhen haut.“

Der Angesprochene hatte keine Gelegenheit mehr, eine Frage zu stellen oder eine Bemerkung zu machen, denn in diesem Augenblick wurde die ohnehin gedämpfte Beleuchtung der Discothek um eine weitere Stufe herunter gedimmt. Gleich darauf richteten sich mehrere kleine Scheinwerfer auf einen bestimmten Punkt rechts neben dem DJ-Platz, wobei ihr Licht wie silberner Regen wirkte. Und so schien es tatsächlich so, als habe sich die Gestalt, die im nächsten Moment wie aus dem Nichts dort auftauchte, buchstäblich aus den unzähligen Lichtpunkten materialisiert.

Im Gegensatz zu den beiden Mädchen, die sich vor ihr gezeigt hatten, trug die schwarzhaarige Solotänzerin kein sonderlich farbenfrohes Make-up. Dafür aber ein knöchellanges, beidseits geschlitztes Kleid aus dunkelroter schwerer Seide, welches ihren Körper locker umspielte. Dünne Spaghettiträger ließen golden schimmernde Haut an Armen und Schultern sehen, während die Konturen von Brust, Taille und Hüften durch die wechselnden Schatten auf dem leicht glänzenden Stoff mal verschwommen und mal ganz deutlich zu erkennen waren. Die Beine, die seitlich aus den Schlitzen des Kleides hervor blitzten, wirkten dadurch ungewöhnlich lang. Und die Füße steckten in schwarzen Riemchen-Sandaletten, deren hohe Absätze dafür sorgten, dass sich die gesamte Frauengestalt sehr aufrecht hielt.

Der Moment der Stille war beabsichtigt und führte wie erwartet dazu, dass die Aufmerksamkeit der Leute auf die Sonder-Darbietung gerichtet wurde. Als die Musik dann in gewohnter Lautstärke wieder einsetzte, zuckten einige leicht zusammen, wandten jedoch den Blick nicht ab.

Es war ein relativ langsames Stück, das entfernt an sphärische Entspannungsmusik erinnerte. Auch die Bewegungen der Tänzerin waren langsam und fließend, so als zelebriere sie ein besonderes Beschwörungsritual. Allein ihre enorme Gelenkigkeit entlockte dem einen oder anderen Zuschauer ein anerkennendes Murmeln. Es war nichts Aufreizendes und schon gar nichts Vulgäres an der Darbietung. Und doch waren die männlichen Beobachter allesamt wie gebannt, nicht fähig und auch nicht willens, die Solokünstlerin aus den Augen zu lassen.

Auch Patrick schaute einen Moment lang fasziniert zu, um seinen Blick schließlich über die Zuschauer wandern zu lassen, die in seiner Nähe saßen. Was in den einzelnen Köpfen vorging, konnte er nur ahnen. Allerdings glaubte er, genau zu wissen, was im Hirn des einen oder anderen vor sich ging, denn auch seine Fantasie hatte kurz zuvor einen Tagtraum produziert, der sich nur schwer wieder verscheuchen ließ. Sicher, die Tänzerin war weit davon entfernt, dem Typ Frau zu entsprechen, den er sonst bevorzugte. Dennoch gefiel sie ihm fast so gut, wie die Kellnerin aus dem Restaurant. Und das nicht nur wegen ihrer gekonnt dargebotenen Show!

„Die muss ich haben“, murmelte Eddy, als die Musik endete und die Frau in Rot genauso schnell und spektakulär verschwand, wie sie aufgetaucht war.

Patrick hatte seinen ehemaligen Schulkameraden nie zuvor so verklärt grinsen gesehen. Doch die Vermutung, die mit seiner letzten Wahrnehmung einherging, schien ihm so absurd, dass er den Kopf schüttelte, ganz so, als müsse er eine lästige Fliege verscheuchen.

„Wie meinst du das?“ Er hatte eigentlich gar nicht fragen wollen, weil er ja schon wusste, welche Antwort er erhalten würde. Dennoch waren ihm die Worte entschlüpft, ohne dass er sie zurückhalten konnte.

„Ich will sie haben!“ Die Stimme des Sprechers klang belegt, was deutlich machte, wie aufgewühlt er war. „Egal, wie viel es mich kostet!“

„Du willst sie kaufen?“ Patrick erinnerte sich, dass sein Sitznachbar oft teure Geschenke verteilte, um sich damit die Aufmerksamkeit und Zuwendung zu sichern, die er sich wünschte. Aber Sex für Geld war eigentlich noch nie infrage gekommen, weil dies nicht zu seinem Glauben passte, er sei ein Kerl, den eigentlich die Frauen für seine Mühe bezahlen müsste!

„Nadja ist doch keine Nutte!“ Eddy ärgerte sich, weil man ihn offenbar mit Absicht missverstand. „Ich will sie aus der Nähe sehen und mit ihr reden. Und wenn wir uns dann besser kennen, will ich auch andere Sachen mit ihr machen. Was ist daran so schwer zu begreifen?“

„Wo ist das Problem?“, wunderte sich Patrick.

„Das Scheißproblem ist, dass ich gar nicht erst an sie herankomme, um sie selbst nach einem Date zu fragen“, erwiderte Eddy böse. „Hab schon ein paarmal versucht, mit ihr in Kontakt zu kommen. Aber man hat mich immer wieder mit einer albernen Ausrede abgespeist. Angeblich weiß keiner, wohin sie nach ihrem Auftritt verschwindet. Und ihre Telefonnummer hat auch keiner. Aber irgendwann, glaub mir, irgendwann krieg ich sie zu fassen! Ich schwör’ dir, ich finde heraus, wo ich sie finden kann. Und dann …“

Patrick hörte schon gar nicht mehr hin, denn die Fantasien und Pläne seines Nebenmannes interessierten ihn nicht wirklich.

„Ich bin erledigt.“ Er stand bereits auf den Füßen und sah auf seinen ehemaligen Schulkameraden hinunter. „Ihr könnt ja ohne mich weitermachen.“

„Spielverderber!“ Eddy schien schon wieder vergessen zu haben, dass er gerade noch wütend gewesen war, denn er lachte breit. „Dabei wollten wir jetzt weiter ins Westside. Willst du die Kleine vom letzten Mal wirklich umsonst warten lassen? Wenn ich mich nicht irre, war die ziemlich scharf auf dich!“

 

„Wir haben nur ein paar Mal zusammen getanzt, weil ihr Freund keine Lust dazu hatte“, erwiderte Patrick gleichmütig. "Und das ist jetzt schon vier Wochen her. Sie hat mich längst vergessen. Also, wenn jemand auf mich wartet, dann ist das meine Matratze zu Hause.“ Damit ging er.