Wie ein Blatt im Wind

 

E-Book  ISBN: 9 783844 840926

 

Print-Book      ISBN: 9 783842 360778

 

 

 

 

Textauszug

 

 

Sommer 1961

 

Die Oberfläche des Sees mit den Augen absuchend, fühlte Eckhard trotz der Wärme des Nachmittages eine Gänsehaut an seinem Rücken hochkriechen, während er zum Ufer und dann weiter ins Wasser rannte. Er hatte den offenbar in Not geratenen Schwimmer nur durch Zufall gesehen, und wollte nun so schnell als möglich zu der Stelle gelangen, an welcher dieser versunken war. Als er schließlich den vermeintlichen Unglücksort erreichte, tauchte er umgehend ab, um sich in der Tiefe nach dem Verschwundenen umzuschauen.

Für ein oder zwei Sekunden vergeblich suchend, entdeckte Eckhard endlich die noch vollständig bekleidete aber voll­kommen bewegungslos erscheinende Mädchengestalt, die langsam Richtung Grund sank. Also packte er beherzt zu und zog sie zu sich hinauf. Nach Luft schnappend und vor An­strengung keuchend, schleppte er anschließend die Bewusst­lose zum Ufer zurück, wo er sich nur eine kurze Verschnauf­pause gönnte, bevor er weitere Maßnahmen ergriff, damit die Verunglückte wieder atmete. Als diese schließlich hustend und Wasser spuckend zu sich kam, richtete er sich erleichtert auf.

„Verdammt, Mädchen! Was machst du nur für Sachen?“ Es war keine wirkliche Frage, so dass er gar nicht erst auf eine Antwort wartete. „Wär ich nicht zufällig vorbeigekommen, du wärst jetzt wahrscheinlich schon mausetot!“

„Sie hätten mich lassen sollen, wo ich war“, brachte die Ge­rettete mit schmerzlich verzerrter Miene hervor, indem sie sich mühsam aufsetzte. Gleich darauf stellte sie sich mit ver­schämt gesenktem Blick hin und begann an ihrem nassen Kleid herum zu zupfen, damit es nicht mehr so eng auf ihrer Haut anliegen solle, weil es ihr unendlich peinlich war, dass man jede Einzelheit ihres Körpers so deutlich sehen konnte, als wäre sie nackt.

„Was denn? Du bist doch nicht etwa …“ Jetzt zum ersten Mal bewusst ihr leichenblasses Gesicht betrachtend, erkannte er sie wieder und fühlte sogleich sein Herz schneller schlagen. Sie hieß Maria und arbeitete seit ein paar Monaten als Dienstmädchen im Haus seines eigenen Arbeitgebers. Darü­ber hinaus war sie eine ganz Hübsche. Und er begehrte sie seit dem Augenblick, da sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Allerdings musste er sich mit seinen geheimen Träumen zufriedengeben, dachte er voller Bedauern, denn sie würde bestimmt keinen Mann wie ihn nehmen, weil er, außer sich selbst, nicht viel zu bieten hatte. Außerdem ging das Gerücht, sie hätte ihr Herz schon verschenkt. … Na ja, wenn man da­von ausging, dass sie mit voller Absicht ins Wasser gegangen war, dann drängte sich einem schon der Verdacht auf, dass da was passiert sein musste, woran sie arg zu knabbern hatte. Was genau vorgefallen sein könnte, vermochte er nicht zu sagen. Er wusste nur, dass sie zwar ein freundliches aber auch sehr schüchternes Ding war, das bei jedem lauten Wort ver­schreckt zusammenfuhr.

„Es gibt nichts, was so schlimm wäre, dass man deswegen sein Leben wegwirft“, ging er nun mit sanfter Stimme auf ihre letzten Worte ein, indem er sich ebenfalls hinstellte.

Trotz ihrer eigenen Seelennot wunderte sich die junge Frau plötzlich darüber, dass sie ihren Retter bisher völlig falsch eingeschätzt hatte. Er war so etwas wie ein Mädchen für alles, erinnerte sie sich, denn er kümmerte sich nicht nur um den großen Garten und die Autos der Herrschaften, sondern auch um die kaputten Dinge in der riesigen Stadtvilla und den dazugehörigen Nebengebäuden. Er war ein sehr ernster Mann, der sich so gut wie nie auf ein längeres Gespräch mit den anderen Angestellten einließ. Doch seine vermeintliche Über­heblichkeit war offenbar nur eine vorsichtige Zurückhaltung, die ihn vor Enttäuschungen bewahren sollte! Er wohnte irgendwo in der Stadt auf Miete. Trotzdem war er immer da, wenn man ihn brauchte.

„Doch“, reagierte sie endlich auf seine Feststellung. „Manche Dummheit lässt sich nicht anders strafen.“

Darauf fand Eckhard keine Erwiderung, da er sich nicht sicher war, wie er ihre Worte verstehen sollte. Als ihm jedoch auf­fiel, dass sie mittlerweile am ganzen Körper zitterte, so als würde sie geschüttelt, fühlte er Mitleid und Sorge um sie. Es war bestimmt nicht nur das nasse Zeug, was sie so flattern ließ, stellte er im Stillen für sich fest. Nein, ihr Bibbern kam anscheinend mehr von den Nerven.

„Ich bring dich zurück“, bot er an. „Dann kannst du …“

„Nein!“ Beide Hände abwehrend gegen ihn ausgestreckt, sah Maria ihr Gegenüber aus weit aufgerissenen Augen er­schrocken an. „Nein.“ Ihr Gesicht wandelte sich zusehends zu einer gequält wirkenden Maske. „Da will ich nie mehr hin.“ Ein ums andere Mal hart schluckend, bemühte sie sich sicht­lich um Haltung. Doch die feucht schimmernden dunklen Augen machten nur zu deutlich, wie nahe sie daran war, in Tränen auszubrechen.

„Dann bring ich dich zu deinen Leuten zurück“, startete er einen neuen Versuch. „Wenn du mir sagst …“

„Da kann ich nicht mehr hin.“ Sie stand jetzt mit kraftlos herabhängenden Armen da und erschien dabei so mutlos, wie ein verstoßenes Jungtier, welches nicht wusste, wie es die nächste Zeit allein überleben sollte.

„Hm.“ Er konnte sie ja schlecht einfach stehen lassen, über­legte er. So verdreht, wie sie momentan wirkte, war davon auszugehen, dass sie sich wieder in den Bodensee stürzte, sobald sie meinte, nicht mehr beobachtet zu werden. Aber das durfte er nicht zulassen, wenn er sich seinen Seelenfrieden bewahren wollte! „Wenn du willst, kannst du mit zu mir kommen.“ Die Worte waren kaum heraus, da schalt er sich selbst einen Idioten. Was würde sie jetzt wohl von ihm den­ken? Sie musste ja glauben, er wolle die Situation für sich ausnutzen! „Ich meine … Du musst zumindest aus den nassen Sachen raus. Und ich … Ich kann dir erst mal was von mir geben, bis dein Kleid wieder trocken ist. Ich könnte auch … Du hast doch ein Zimmer im Gesindehaus, stimmt’s. Also, wenn du willst, kann ich dir deinen Kram holen. Na, was sagst du?“

Maria brauchte einen Moment, um den Vorschlag ihres Ret­ters zu überdenken. Doch dann nickte sie zustimmend.

„Aber du darfst niemandem sagen, wo ich bin. Versprichst du mir das?“ Im Nachhinein war sie über sich selbst erschrocken und jetzt heilfroh, dass Eckhard ihr Tun beobachtet und sie dann vor einer Todsünde bewahrt hatte. Er war zwar kein Kirchgänger, aber er war ein guter Mensch, dem man getrost vertrauen durfte. Ja, er war bestimmt keiner von der Sorte … Nicht mehr daran denken, ermahnte sie sich. Was geschehen war, konnte man nicht mehr rückgängig machen. Sie musste vielmehr darüber nachdenken, wie es weitergehen sollte. … Sie würde Eckhards Gastfreundschaft für eine Nacht in An­spruch nehmen und dann schnellstens weiter ziehen, entschied sie. Ja, sie musste fort. Am besten so weit wie nur möglich weg. Wie sie seine gute Tat vergelten sollte, wusste sie zwar noch nicht, war sich aber relativ sicher, dass ihr irgendetwas einfallen würde, sobald sie wieder klar denken konnte.

„Na dann.“ Eckhard wollte nicht mehr länger schweigend dastehen und tatenlos zusehen, wie sie fror. „In fünf Minuten können wir bei mir sein.“ Er nickte in die Richtung, wo sein Fahrrad im Gras lag, und fasste dann vorsichtig nach ihrem Ellenbogen, um sie sanft aber bestimmt mit sich zu ziehen. Vielleicht …. Möglicherweise ließ sie sich doch dazu bewe­gen, ihm eine Chance zu geben, dachte er hoffnungsvoll. Sie musste ja nicht gleich in sein Bett hüpfen. Es würde ihm voll­kommen ausreichen, wenn sie ihn vorerst nur als Freund be­trachtete, dem sie nicht nur ihren Kummer sondern auch sich selbst anvertraute, damit er sie vor allem Bösen schützen konnte.

„Was hältst du davon, wenn wir zusammen weggehen?“, fragte er, sobald sie bei seinem Gefährt anlangten. „Ich wollte ja schon immer in den Norden, weißt du.“ Eine Lüge, ja, ge­stand er sich ein, denn die Idee war ihm gerade erst gekom­men. Aber das war wahrscheinlich die beste Lösung für sie beide. Sie würde leichter vergessen können, wenn sie den Grund für ihren Kummer weit hinter sich ließ. Und er … Na ja, ohne sie wollte er auch nicht mehr da bleiben.

„Norden?“ Im Geiste prüfte Maria kurz das Für und Wider seines Vorschlages und nickte dann. „Ja, Norden wäre gut. Das ist bestimmt weit genug weg.“

 

 

Kapitel 1

 

Vergleichbar mit einem Wirbelwind, der weder Rast noch Ziel kannte, tobte der kleine Junge durch die Küche, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass er der Mutter im Weg war, die gerade das Abendessen zubereitete. Selbst als man ihn mit strenger Miene ermahnte, er solle anderswo spielen, ge­horchte er nicht. Stattdessen hopste er wie ein Gummiball um den Stuhl der Schwester herum, die am Küchentisch sitzend ihre Schularbeiten machte.

„Ich bin ein Frosch“, verkündete er, indem er das Mädchen immer wieder anrempelte. „Und du bist ein Storch, der mich fangen muss!“

Die Angesprochene schien weder die Anwesenheit des Bru­ders wahrzunehmen, noch dessen Worte zu hören. Die Lippen fest aufeinander gepresst, beugte sie sich noch ein wenig tie­fer über das Schulheft und schrieb dabei weiter.

„Anna!“ Die Ungeduld des Fünfjährigen nahm sichtlich zu. „Komm schon, du musst mich fangen!“

„Lass mich zufrieden“, brummte sie ärgerlich. „Siehst du denn nicht, dass ich beschäftigt bin?“ Die Hand des Kleinen abschüttelnd, die nach wie vor an ihrer Bluse zerrte, sah sie ihn das Gesicht verziehen, so als wolle er jeden Moment an­fangen zu weinen, dachte jedoch nicht im Traum daran, sei­nem Wunsch nachzukommen.

„Antonia, hast du nicht verstanden, was er will?“, ertönte es mit einem Mal in ihrem Rücken.

Bettina hasste es, wenn man sie mit ihrem ersten Vornamen rief, denn sie fand ihn altmodisch und zudem auch noch total blöd. Aber das war nicht der alleinige Grund, der sie unge­halten den Kopf heben ließ. Die vorwurfsvoll und zugleich auch angriffslustig klingende Frage des Vaters hatte nun auch noch den letzten Rest ihrer Konzentration zunichte gemacht. Jetzt musste sie die Erledigung ihrer Hausaufgaben auf den späten Abend verschieben, stellte sie verärgert für sich fest, denn erst dann würde sie wieder genügend Ruhe dafür haben. Sie hatte schon eine unwirsche Erwiderung auf der Zunge, blieb aber stumm, wohl wissend, dass allein ihr Aufbegehren reichen würde, um einen völlig unsinnigen Streit auszulösen. Also klappte sie das Schulbuch und das Heft zu, und raffte anschließend alles zusammen, um es in ihre Schultasche zu schieben.

„Guck nicht so beleidigt“, beschied ihr der Vater kalt, indem er sich selbst am Küchentisch niederließ, um eine Zeitung darauf auszubreiten. „Dein Schreibkram kann warten. Aber der Junge braucht jetzt Beschäftigung. Du siehst doch, dass deine Mutter keine Zeit für ihn hat!“

„Warum spielst du nicht ein wenig mit ihm?“ Obwohl ihr bewusst war, dass sie sich besser zurückgehalten hätte, war es der Zurechtgewiesenen nicht gelungen, sich zu beherrschen, denn die jäh aufgeflammte Wut in ihrem Inneren brauchte ein Ventil. Dass der Vater daraufhin aufsprang, so als wolle er sich jeden Moment auf sie stürzen, um sie für ihre Frechheit zu strafen, beeindruckte sie aber ebenso wenig, wie die dunkle Zornesröte auf seinen Wangen. Sie war sich nämlich absolut sicher, dass er sie diesmal nicht anrühren würde, denn sie war fest entschlossen, ihn gar nicht erst an sich heran­kommen zu lassen. Den Küchentisch vor sich, der eine schüt­zende Barriere zwischen ihr und dem wütenden Mann war, stand sie so aufrecht da, als hätte sie einen Besenstiel ver­schluckt. Dabei sah sie ihr Gegenüber zwischen zusammen­gekniffenen Lidern wachsam an.

„Du …“ Der Mittfünfziger machte den Eindruck, als wolle er jeden Moment explodieren.

„Was denn?“, tat Bettina erstaunt. „Ich hab doch nur wissen wollen, warum du dich nicht selbst um deinen Sohn küm­merst, wo er doch dein Liebling ist.“ Sie war keine Zehn­jährige mehr, die er durch sein Geschrei erschrecken, oder die er verprügeln konnte, wann immer er meinte, seine schlechte Laune an ihr auslassen zu können, grollte sie im Stillen. Sie war mittlerweile größer als er. Und sie war vermutlich auch stark genug, um ihn notfalls abzuwehren. Außerdem war sie flinker, so dass er sie kaum zu fassen kriegen würde, wenn sie an ihm vorbeihuschte.

„Warte nur“, drohte er. „Deine Frechheit wird noch ein Nach­spiel haben!“

„Hört auf zu zanken“, mischte sich endlich die Mutter ein, die bisher so getan hatte, als höre und sehe sie nichts von dem Disput. „Tu was dein Vater dir gesagt hat“, wandte sie sich dann direkt an die Tochter. „Es dauert ohnehin nicht mehr lange, bis das Essen fertig ist. Außerdem brauche ich den Tisch gleich, damit ich aufdecken kann.“

Bettina nickte bloß, derweil sie gleichzeitig die Schultasche aufnahm und mit der anderen Hand den Bruder im Nacken packte, um ihn sogleich aus der Küche zu dirigieren. In ihrem Inneren brannte zwar immer noch eine mordsmäßige Wut, doch ließ sie sich davon nichts anmerken. Mit energischen Schritten zu dem winzigen Raum strebend, den sie sich mit dem kleinen Bruder teilen musste, und der gerade mal Platz für ein Etagenbett sowie einen Kleiderschrank bot, zählte sie lautlos vor sich hin, bis sie am Ziel anlangte.

„Zum Fangen spielen ist es hier zu eng. Darum werde ich dir jetzt etwas vorlesen.“ Im Grunde hatte sie nicht die geringste Lust, sich mit dem Knirps zu befassen. Da sie jedoch davon ausging, dass ihre Unterhalterrolle ohnehin bald durch das Abendessen beendet werden würde, griff sie nach einem Mär­chenbuch, um es sogleich aufzuschlagen.

 

Die fünfzehnjährige Tochter des Ehepaares Römer wirkte auf den ersten Blick wie eine erwachsene Frau, denn sie war hoch gewachsen und besaß schon einen voll entwickelten Körper. Sie war das erste Kind ihrer Eltern, ähnelte aber weder Mutter noch Vater, die beide braunäugig und dunkelhaarig waren. In dem strahlenden Grün ihrer Augen blitzten goldene Funken, und ihr glänzendes weizenblondes Haar umrahmte ein apart geformtes Oval. Es hieß, ihr Aussehen sei das Erbe ihrer Großmutter mütterlicherseits. Nachprüfen konnte man diese Erklärung aber nicht, da keine Fotos oder sonstige Abbildun­gen von dieser Vorfahrin existierten. Allerdings fanden sich im Hause Römer ohnehin nicht viele Erinnerungen an die Vergangenheit, sah man einmal von dem Hochzeitsfoto der Eltern und einigen wenigen Aufnahmen von den beiden Kin­der ab.

Schon in ihrer frühesten Kindheit war sich Bettina der unter­schwelligen Ablehnung ihres Vaters bewusst geworden, und hatte daraufhin alles versucht, um seine Zuneigung zu gewin­nen. Doch war es ihr nie gelungen, ihm ein anerkennendes oder gar liebevolles Lächeln abzuringen. Zu Beginn ihrer Pubertät hatte sie schließlich für sich entschieden, dass sie ihn nicht länger umschmeicheln sondern so behandeln wolle, wie er es verdiente. Und so war aus dem braven kleinen Mädchen alsbald ein aufmüpfiger Teenager geworden, der mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hielt und der sich auch sonst nicht mehr viel sagen ließ. Dass das nicht nur vermehrte väterliche Aufmerksamkeit in Form von entsprechenden Strafmaßnahmen für sie selbst mit sich gebracht, sondern auch zu ungerechten Vorwürfen gegen die Mutter geführt hatte, war Bettina trotz aller Unannehmlichkeiten nur recht gewesen. Davon ausgehend, dass es die Mutter gar nicht an­ders verdiente, weil sie der Tochter nicht ein einziges Mal gegen den aufgebrachten Vater zur Seite stand, empfand sie immer öfter auch so etwas wie Verachtung für die kleine Frau, die sich stets dem Willen ihres Mannes unterwarf, nur damit Frieden zwischen ihnen sei. Der einzige Mensch, den Bettina nach wie vor vorbehaltlos liebte, war ihr kleiner Bru­der. Aber auch das änderte sich ganz allmählich. Je älter und fordernder er ihr gegenüber wurde, umso mehr wuchs in ih­rem Inneren das Gefühl ungeduldigen Wiederwillens gegen den verwöhnten kleinen Egoisten, der das herrschsüchtige Gehabe des Vaters imitierte und dabei allen Ernstes glaubte, er sei ein Prinz und die anderen ausschließlich dazu da, ihm zu dienen.

 

*

 

Der Beginn der Sommerferien rückte unaufhaltsam näher, und mit ihnen auch der Tag, da es Zeugnisse geben sollte. Im Gegensatz zu einigen ihrer Klassenkameraden hatte Bettina jedoch keinen Grund, sich davor zu fürchten, denn sie war schon immer eine überragende Schülerin gewesen.

Den Rat des Klassenlehrers mit einem unverbindlichen Lächeln quittierend, der eine weiterführende Schule und dann ein Studium empfohlen hatte, nahm sie am letzen Schultag das Abschlussdokument entgegen, um es sogleich in die Schultasche zu packen. Danach beeilte sie sich, nach Hause zu kommen, denn sie erwartete ein wichtiges Schreiben. Als sie dann tatsächlich einen an sie adressierten Brief aus dem Briefkasten fischte, und darin die erwartete Zusage auf ihre Bewerbung fand, tat sie einen übermütigen Freudensprung.

„Was ist denn?“, wollte die Mutter wissen. „Du bist ja ganz aus dem Häuschen.“

„Ich hab ’ne Lehrstelle!“, jubelte Bettina freudestrahlend. „Ich hab dir doch schon vor Wochen gesagt, dass ich mich beworben habe. Weißt du das denn nicht mehr? Nein? Na ja, ist ja auch egal.“ Auch wenn sie ein bisschen enttäuscht war, weil ihre Ankündigung, sie wolle eine Ausbildung zur Hotel-Fachfrau machen, bei der Mutter offenbar kein wirkliches Interesse geweckt hatte, glänzten ihre Augen zufrieden. „Die Hotelleitung schreibt mir jetzt, dass ich am ersten August anfangen kann“, erklärte sie stolz.

Frau Römer wirkte mit einem Mal so verunsichert, als ob sie tatsächlich erst an diesem Tag informiert worden wäre. Doch dieser Eindruck täuschte. Sie hatte durchaus mitbekommen, dass ihre Tochter nach Hamburg gehen wollte. Es war ihr auch von Anfang an klar gewesen, dass ihre Große ent­sprechend ihrer zielstrebigen Art alles tun würde, damit sie ihren Willen bekam. Doch das vermeintliche Glück des Mäd­chens machte ihr – der Mutter – eher Sorgen! Sicher, Anni würde als Lehrling bestimmt ein bisschen Geld bekommen. Aber das würde bei weitem nicht reichen, um sich in einer fremden Stadt über Wasser halten zu können. Und unter­stützen, nein, unterstützen konnte sie sie nicht, wo sie doch selbst gerade genug hatte, um bis zur nächsten Lohn­aus­zahlung ihres Mannes über die Runden zu kommen. Wenn sie noch ihre Anstellung in der Näherei hätte, ja dann vielleicht. Aber die hatte sie aufgeben müssen, als der Kleine geboren wurde. Und die paar Mark, die sie sich durch das bisschen Heimarbeit verdiente, waren ja bloß ein Tropfen auf den hei­ßen Stein und außerdem auch keine festen Einnahmen, mit denen sie rechnen durfte.

„Was wird Vater dazu sagen?“ Im Grunde hatte sie etwas ganz anderes sagen wollen, doch fielen ihr im Moment allein diese Worte ein.

Bettina indes fühlte ungeduldige Frustration in sich auf­steigen. Das war wieder typisch für ihre Mutter, stellte sie verärgert für sich fest. Statt sich mit der Tochter zu freuen, machte sie sich Gedanken darüber, was ihr Mann sagen würde. Einfach grässlich! Das arme Ding traute sich ja noch nicht einmal, auch nur die kleinsten Dinge alleine zu ent­scheiden. Der Vater hatte immer das letzte Wort – selbst wenn es nur darum ging, einen neuen Kochtopf zu kaufen. Nein, so wollte sie selbst auf keinen Fall später werden. Sie wollte nie, wirklich niemals so abhängig werden, wie die Mutter es war. Kein Mann sollte ihr je vorschreiben, wie oder was sie zu tun hatte, denn sie wollte ganz alleine über ihr Le­ben bestimmen.

„Er wird froh sein, wenn ich endlich aus dem Haus bin“, stieß sie im gehässigen Tonfall hervor. „So wie er nämlich in letzter Zeit getan hat, möchte er mich am liebsten heute als morgen verheiratet sehen, damit ich endlich aus seinem Leben verschwinde!“ Weil man sie nun völlig verwirrt anstarrte, so als hätte sie gerade chinesisch geredet, explodierte sie: „Tu nicht so, als hättest du keine Ahnung! Wir beide wissen näm­lich verdammt gut, was er vorhat? Er schleppt nicht umsonst dieses Pickelgesicht hier an“, schimpfte sie böse. Allein der Gedanke an den jungen Mann, der in letzter Zeit immer öfter zu Besuch kam, rief bei ihr nichts als Ekel her­vor. Er war ein Arbeitskollege ihres Vaters und sieben Jahre älter als sie selbst. Der Vater mochte ihn, das war allzu offen­sichtlich. Aber sie selbst konnte ihn nicht leiden. Natürlich war sie an­fangs sehr geschmeichelt gewesen, denn die Er­kenntnis, dass sie durch alleinige Anwesenheit die uneinge­schränkte Auf­merksamkeit des anderen Geschlechtes auf sich ziehen konnte, war eine überwältigende Erfahrung gewesen. Aber dann hatte sie begriffen, dass ihr Verehrer mehr am Inhalt ihrer Bluse interessiert war, als an einem vernünftigen Ge­spräch. Und die Tatsache, dass er sie bei jedem Auf­einander­treffen förmlich mit den Augen auszog, widerte sie an.

„Ich weiß gar nicht, warum du dich so aufregst.“ Ein ange­strengt wirkendes Lächeln auf den Lippen, wich Frau Römer dem Blick der Tochter bewusst aus, indem sie sich wieder ihrer Näharbeit zuwandte. „Der Junge ist doch sehr nett!“

Bettina meinte zunächst, sie hätte nicht richtig gehört. Ent­sprechend verwirrt starrte sie die Mutter an. Als ihr jedoch kurz darauf aufging, dass man es in der Tat begrüßen würde, wenn sie sich alsbald einen Ehemann nähme, damit sie ver­sorgt wäre, schluckte sie schwer. So war das also, dachte sie schockiert. Nicht nur der Vater, nein, auch die Mutter wollte sie loswerden!

„Damit du es weißt“, presste sie hervor, mühsam darum rin­gend, nicht zu weinen, „ich werde nicht den erstbesten Knilch nehmen und mir einen Stall voll Kinder machen lassen, nur damit ich ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen habe. Ich kann nämlich ganz gut für mich alleine sorgen!“ Ohne eine Erwiderung abzuwarten, stürmte sie davon. Sie würde nicht klein beigeben, schwor sie sich dabei. Was auch immer sie machen musste, um ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen, sie wollte es tun! Sie war nicht nur gescheit, nein, sie war auch stark genug, ihr Leben ohne die Hilfe anderer meistern zu können!

 

„Du willst also nach Hamburg.“ Den Suppenteller endlich aus den Augen lassend, weil er leer gelöffelt war, lehnte sich Herr Römer zurück, um die Tochter eindringlich zu mustern. „Ha­ben die Herren auch für eine Unterkunft gesorgt? Oder ge­denkst du auf der Straße zu schlafen?“, fragte er.

Die Angesprochene sah überrascht auf, denn der Tonfall des Vaters war nicht unfreundlich, wenn auch ziemlich gleich­gültig gewesen.

„Sie …“ Bettina musste sich räuspern, weil ihre Kehle plötz­lich so rau war, als hätte jemand sie mit Schmirgelpapier be­arbeitet. „Sie haben mir für die gesamte Dauer der Aus­bildung ein möbliertes Zimmer im Dachgeschoss des Hotels angeboten“, erklärte sie heiser. „Wenn ich das richtig ver­standen hab, wohnen da schon ein paar andere Mädchen.“ Sein gewohnt herrisches Gehabe wäre ihr jetzt lieber ge­wesen, dachte sie für sich. Wäre er wie erwartet gleich zum Angriff übergegangen, hätte sie ihm mit ihren gut durch­dachten Argumenten mühelos den Wind aus den Segeln neh­men und ihn am Ende der Diskussion sogar ziemlich dumm dastehen lassen können.

„Und wie sieht es mit dem Verdienst aus?“

Ihr Vater hatte kaum ausgesprochen, da löste sich Bettinas nervöse Verunsicherung schlagartig auf. Er hatte ja Angst, erkannte sie. Ja, er ging bestimmt davon aus, dass er etwas von seinem sauer verdienten Geld für sie hergeben sollte, damit sie während ihrer Ausbildung nicht hungern oder nackt herumlaufen musste. Und wenn das seine einzige Sorge war, dann hatte sie schon gewonnen!

„Ich bekomme genug Lohn, um die Miete für das Zimmer und meine Verpflegung bezahlen zu können.“ Darum bemüht, ihre Stimme so ruhig wie möglich klingen zu lassen, hielt sie seinem Blick ohne ein Wimpernzucken stand. „Außerdem wird mir Arbeitskleidung gestellt. Und wenn ich zusätzlich etwas brauche, werde ich halt putzen gehen oder kellnern. Soviel ich weiß, hat das Hotel auch ein eigenes Restaurant und auch ein Café. Da kann ich mir bestimmt noch ein paar Mark dazuverdienen.“

„Wenn es wirklich so ist, wie sie sagst“, sprach Herr Römer nach einiger Überlegung in die Richtung seiner Frau, die mit gesenktem Kopf in ihrem Suppenteller herumrührte, „dann habe ich nichts gegen diese Ausbildung. Vielleicht ist es ja ganz gut, wenn sie später einen Beruf hat, der sie ernährt. Wer will schon ein respektloses Weib, das immer das letzte Wort haben muss.“ Damit war das Thema für ihn erledigt.

Bettina nahm es völlig ungerührt hin, dass der Vater noch nicht einmal eine Silbe zu ihrem guten Schulabschluss verlor, denn ihr war es mittlerweile gleich, was er von ihr dachte. Was für sie zählte, war allein die Aussicht darauf, dass sie endlich aus dem elenden Kaff würde verschwinden können, das ihr immer mehr die Luft zum Atmen abwürgte.