Buch I - Ivanka

 

 

Print-Book (Epubli) ISBN; 978-3-7418-9404-6

 

E-Book ISBN 9783741884443

Textauszug / Leseprobe

 

Gefangen   (Prolog)

 

 

Sie befand sich an einem Ort, den sie niemals zuvor gesehen hatte. Von grün-weißem, immens dichtem Nebel umgeben, versuchte sie vergeblich eine erkennbare Kontur auszumachen, an welcher sie sich orientieren könnte.

 

Nach einer Ewigkeit erreichte leises Gemurmel ihr Ohr. Es war ein eintöniges Summen, dem keine verständliche Botschaft zu entnehmen war. Dennoch war sie sich sicher, dass da jemand sein musste. Irgendwo – vielleicht hinter diesem unheimlichen Nebel? – waren Leute!

 

Plötzlich ein Ruf.

Zwei Worte nur.

 

„Mama, bitte!“

 

 

Kapitel 1

 

Neunzehnhundertzweiundfünfzig war Lukac eine von vielen kleinen Siedlungen nahe der ungarischen Grenze, etwa acht Kilometer von der nächsten Kreisstadt Virovitica entfernt. Die Zweihundert-Seelen-Ortschaft wurde, wie so viele andere auch, ausschließlich aus einer Ansammlung kleiner bäuerlicher Anwesen gebildet, wobei die Wohnhäuser entlang einer schnurgeraden Straße erbaut waren, was an eine sauber aufgereihte Perlenkette erinnerte.

Die Fahrbahn der Dorfstraße bestand aus grobem Schotter, so dass die Pferdefuhrwerke und die vereinzelten Motorfahrzeuge bei jedem Befahren eine immense Staubwolke verursachten. Obwohl kein schnelles Fahren auf diesen Straßen möglich war, kam es immer wieder zu tödlichen Unfällen, weil die rechtzeitige Wahrnehmung eines Fußgängers oder Radfahrers durch den aufgewirbelten Staub erheblich erschwert wurde. Um das Wasser nach starken Regenfällen abzuleiten, hatte man zu beiden Seiten der Fahrbahn Gräben ausgehoben, so dass die Gehwege vor den einzelnen Anwesen, bestehend aus festgetretener Erde, nur über einen kleine Brücke zu erreichen waren. Da, wo zwischen Abflussgraben und Gehweg noch genügend Platz vorhanden war, standen alte, knorrige Bäume, in deren Schatten man Ruhebänke aufgestellt hatte, die zum Verweilen einluden.

Die zumeist mit Ried gedeckten Behausungen stammten noch aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg und waren aus rohen Lehmziegeln erbaut. In ihrem Inneren fanden sich selten mehr als zwei Räumen, unabhängig davon, wie viele Bewohner darin Platz finden mussten. Die Türen dieser Räume führten auf einen offenen, manchmal auch überdachten Gang hinaus, in welchem man während der Sommerzeit den Herd aufstellte, um zu kochen und somit die Innenräume kühl zu halten. Während der Winterzeit hingegen wurden die Mahlzeiten im Hausinneren zubereitet, wobei der Kochherd gleichzeitig für wohlige Wärme sorgte.

Trotz ihres hohen Alters und manchmal bedenklich schiefer Wände, waren die Häuschen peinlich sauber gestrichen und liebevoll mit Blumenbeeten umgeben worden. Ein Lattenzaun begrenzte den Hof und hinderte gleichzeitig das dort herumlaufende Geflügel am Weglaufen.

Jedes der kleinen Anwesen besaß im Eingangsbereich des Hofes einen offenen Ziehbrunnen, der die Trinkwasserversorgung sicherte. Hinter dem Wohngebäude fanden sich ein großer Gemüsegarten und ein kleiner Stall für verschiedene Nutztiere. Den hölzernen Abtritt jedoch, der über einem Erdloch thronte, fand man am entferntesten Ende des Grundstückes – meist neben dem Misthaufen.

Lukacs Bewohner waren froh, dass man sie während des zweiten Weltkrieges nicht übermäßig belästigt hatte – man hatte zwar einige Männer opfern müssen, aber Haus und Hof waren heil geblieben! – und beklagten sich daher auch nicht sonderlich laut über ihr bescheidenes Leben. Sie waren von je her Bauern und Viehzüchter gewesen, kannten also keine bessere Arbeit, um den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Selbstverständlich hätte das Eine oder Andere besser sein können – wer ist schon hundertprozentig zufrieden mit seinem Los!? Solange man aber genug zu essen und ein ordentliches Dach über dem Kopf besaß, war es müssig, über Alternativen nachzudenken – zumal es kaum welche gab.

 

*

 

Es war ein Sommertag, gewöhnlich und heiß wie viele andere zuvor. Doch sollten in seinem Verlauf Ereignisse stattfinden und Entscheidungen getroffen werden, die den Werdegang eines jungen Menschen in völlig unvorhergesehene Bahnen lenken sollten.

 

Nach dem Mittagessen beauftragte Jula Popovic ihre beiden Kinder, Ivanka und Andrija, ihre einzige Kuh zur Dorfweide zu bringen, und dort auf sie aufzupassen, damit sie nicht weglief. Das Geschwisterpaar gehorchte wie immer ohne Widerspruch, doch nahm sich das Mädchen ihr Schulbuch mit, um  ein wenig lernen zu können.

 

Am Nachmittag brannte die Sonne erbarmungslos auf die Beiden herab, so dass sie sich in den Schatten einer großen Eiche verzogen. Doch nur kurze Zeit später  mussten sie wieder der Kuh hinterher rennen, weil die Weide nicht eingezäunt war und das Tier auf der Suche nach schmackhaften Kräutern weit umherstreifte.

„Weißt du Ivanka“, keuchte Andrija atemlos, „dieses Mistvieh ist doch wirklich blöde. Hier wächst so schönes Gras, und trotzdem läuft sie dauernd weg.“

Das Mädchen zuckte nur die Schultern, derweil ihre Augen das Tier suchten, welches sich schon wieder nach einer besseren Stelle zum Grasen umsah.

„Da kann man einfach nichts machen. Die Viecher sind halt so“, sagte sie.

„Aber ich habe keine Lust, dauernd hinter ihr herzulaufen“,  nörgelte der Junge, stieß dabei seine nackten Zehen in den Staub und wandte sich dann ab, um missmutig davon zu trotten.

Mit seinen acht Jahren war Andrija fast so groß wie seine Schwester. Er besaß einen drahtigen, nahezu dürr wirkenden Körper, welchen die Sonne mittlerweile dunkelbraun gefärbt hatte, weil er ausschließlich in einer kurzen Hose herumlief. Außerdem hatte er ein unberechenbares Temperament, dem nur schwer beizukommen war. Er hatte braune Augen, die meist neugierig in die Welt blickten, und einen schmallippigen Mund, der zuweilen die seltsamsten Gedanken preisgab. Sein schwarzes Haar war stets zerzaust, obwohl es kurz geschnitten war, denn er hielt nicht viel von einem Kamm. Dem Wasser – also dem Waschen – wich er zwar nicht bewusst aus, doch suchte er auch nicht unbedingt von sich aus den Waschzuber. Seine Schwester musste in der Tat sehr energisch werden, um ihn von der berechtigten Schelte der Mutter zu bewahren.

Auf den ersten Blick schien es also keinen großen Unterschied zwischen den Geschwistern zu geben, denn Ivanka wirkte trotz ihrer dreizehn Jahre wesentlich jünger als ihre Altersgenossen. Ihr zierlicher Körperbau, mit einer Höhe von nur eins vierzig, erschien noch sehr kindlich. Und das lange, schimmernde schwarze Haar, welches zu zwei dicken Zöpfen geflochten war, verstärkte diesen Eindruck noch. Ihr kleines, herzförmiges Gesicht war zwar hübsch anzusehen, wäre jedoch nicht besonders aufgefallen, wären da nicht ihre Augen gewesen. Jeder, der einen Blick in diese Augen riskierte, wurde unweigerlich in ihren Bann gezogen. Die Iris hatte nämlich eine höchst ungewöhnliche Färbung – eine Mischung aus Braun und Gelb, durchsetzt von vielen kleinen grünen Punkten, was, abhängig von den Lichtverhältnissen, den Eindruck eines geheimnisvollen Eigenlebens innerhalb kostbarer Edelsteine erweckte.

Während sie nun dem Bruder nachsah, fühlte Ivanka eine tiefe Zärtlichkeit in ihrem Herzen. Insgeheim über seine kindliche Ungeduld amüsiert, ließ sie sich wieder im Schatten nieder und begann das Gedicht auswendig zu lernen, das sie für den morgigen Tag aufbekommen hatte.

Zeit und Raum um sich vergessend, vertiefte sich das Mädchen in die Verse und brauchte darum ein paar Sekunden, bis ihm endlich aufging, dass es Schreie gehört hatte. Sich schleunigst aufrappelnd, lief es sogleich in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Als es jedoch, in rasender Eile eine dicht wachsende Brombeerhecke umrundet hatte, blieb es wie vom Blitz getroffen stehen, unfähig sofort zu begreifen was es sah – nämlich die Kuh, die im trüben Flusswasser langsam an ihr vorbei trieb.

Zum besseren Verständnis für Ivankas Entsetzen sei nun erklärt, dass Lukac einen kleinen Fluss sein eigen nannte, dessen gurgelnde Wassermassen in einem tiefen Bett gefangen waren, welches sich schlängelnd durch ein fruchtbare Tal wand. Die immense Kraft des Wassers unterspülte immer wieder die lehmige Flussgrenzen und schuf dadurch Überhänge, die immer wieder abrissen, so dass das Ufer an manchen Stellen sehr steil und äußerst tückisch war. Außerdem gab es Strömungen unter der Wasseroberfläche, die sogar für einen sehr guten Schwimmer sehr gefährlich waren, weil sich die dort wachsenden Wasserpflanzen wie Schlingen um seine Beine winden und ihn somit bewegungsunfähig machen konnten.

Genau dieses schien auch der Kuh widerfahren zu sein, denn ihr Körper wirkte eigenartig verkrümmt, was darauf hindeutete, dass sie sich total verheddert haben musste. Die von Panik erfüllten Augen wild rollend, schlug sie gleichzeitig mit dem Kopf auf der Wasseroberfläche hin und her, brüllte ihre Todesangst gen Himmel, und ging dabei langsam aber unausweichlich in der aufgewühlten trüben Brühe unter. Als schließlich nur noch einige gurgelnde Luftblasen aus dem Wasser brodelten, löste sich die Erstarrung der Kinder auf.

„Warum hast du sie nicht zurückgehalten?“, schrie Ivanka ihren Bruder an, indem sie ihn an den Schultern packte und zu schütteln begann.

Andrija indes stand wie festgenagelt, völlig schockiert angesichts des unbeherrschten Ausbruches seiner großen Schwester, und ließ sie widerstandslos gewähren.

„Wie hätte ich sie denn halten sollen?“, brachte er hervor, als sie endlich aufhörte ihn hin und her zu zerren. Seine Augen wirkten nahezu schwarz. „Sie hatte Durst. Erst stand sie ja auch nur am Ufer und hat getrunken. Aber dann hat sie sich vor irgendetwas erschrocken. Sie hat so einen großen Sprung gemacht, dass sie in das Wasser hineingerutscht  ist. Du siehst doch selber, wie glitschig das Ufer ist! Sie konnte alleine nicht mehr herauskommen. Und ich hatte nicht die Kraft, um sie herauszuziehen.“ Nun begann er doch zu weinen, was bei ihm eine Seltenheit war. Zum einen konnte er es nicht ertragen, von der Schwester so grob behandelt zu werden, weil er sie über alles liebte. Zum anderen plagte ihn das schlechte Gewissen, weil er für die Katastrophe verantwortlich war: Er hatte sich so sehr über die Kuh geärgert, dass er beschlossen hatte ihr eine Lektion zu erteilen. Als sie sich am Flussufer vorbeugte, um zu trinken, hatte er sich angeschlichen und ihr mit einer Weidenrute mächtig eine über das Hinterteil gezogen. Daraufhin hatte sie vor lauter Schreck einen gewaltigen Satz zur Seite gemacht, war augenblicklich ins Rutschen gekommen und am Ende ins Wasser gefallen. Natürlich hatte sie sofort versucht, wieder herauszukommen, war dabei aber wieder ausgerutscht und dann noch tiefer in den Fluss gefallen. Und jetzt war sie jämmerlich abgesoffen, nur weil er vorher nicht daran gedacht hatte, was passieren könnte!

Ivanka sah den Bruder weinen und konnte ihm nicht länger böse sein. Er hatte ja Recht, dachte sie für sich. Selbst wenn ein Erwachsener zur Stelle gewesen wäre, um zu helfen, hätte man das Tier nicht retten können.

Den Jungen an sich ziehend, hielt sie ihn eine geraume Weile umfangen, bis sein Schluchzen langsam nachzulassen begann. Dabei überlegte sie, wie sie der Mutter die schlechte Nachricht beibringen sollte.

 

„Mama, bitte! Ich kann doch nichts dafür. Ich musste doch  meine Hausaufgaben für morgen machen.“ Ivanka versuchte ihre Angst zu verdrängen, denn die Mutter war völlig außer sich. Andrija hatte bereits seine Tracht Prügel weg. Und jetzt sah es so aus, als sollte auch sie den großen Kochlöffel zu spüren bekommen.

„Warum hast du ihn alleine gelassen?“ Jula kämpfte in der Tat um ihre Selbstkontrolle. „Du hättest wissen müssen, dass auf ihn kein Verlass ist!“ Die Hand bereits gegen die Tochter erhoben, sah sie das Mädchen entsetzt zurückweichen, schleuderte im nächsten Moment das hölzerne Kochinstrument von sich, und wandte sich dann brüsk ab, um nicht doch noch zuzuschlagen. „Verschwinde“, forderte sie über die Schulter hinweg, „bevor ich mich wirklich vergesse!“

Ivanka war erleichtert, nicht geschlagen worden zu sein. Sie war jedoch weit davon entfernt, die ganze Sache als erledigt zu betrachten, während sie das Haus verließ.

Das Mädchen war zwar äußerlich noch ein Kind, doch in seinem Inneren fühlte es sich bereits uralt. Es wusste, die Familie hatte an diesem Tag einen wichtigen Teil ihrer Existenzgrundlage verloren. Neben den Stickerei-Arbeiten, die die Mutter in der Stadt verkaufte, waren die Milch und die Produkte, die man daraus herstellte, ein zusätzliche Einnahmequelle gewesen, die nicht unerheblich dazu beigetragen hatte, dass man anständig gekleidet herumlief.

Zu essen hatten Jula und ihre Kinder genug – auch ohne die Kuh. Der kleine Garten hinter dem Häuschen war immer gut bestellt und brachte in jedem Jahr eine ausreichende Ernte. Und die Hühner im Hof lieferten regelmäßig Eier, und einmal in der Woche auch Fleisch für die Sonntagsmahlzeit. Was jetzt fehlen würde, war ausreichend Geld für Kleidung und die Schulbücher.

Neue Kleider fand Ivanka zwar schön, konnte aber auch darauf verzichten wenn es sein musste. Bei den Büchern sah das allerdings etwas anders aus, denn wer keine Lehrbücher für das kommende Schuljahr vorweisen konnten, wurde gar nicht erst in der Schule aufgenommen!

Im Schuppen hinter dem Wohnhaus angekommen, kletterte die Dreizehnjährige auf den Stapel Brennholzes hinauf, der dort aufgeschichtet war, und dachte voller Wehmut an die Zeit zurück, da der Vater noch gelebt hatte. Damals hatten sie in einem wunderschönen Haus aus roten Backsteinen gewohnt, erinnerte sie sich. Und der dazugehörige Hof war so groß gewesen, dass neben Hühnern auch Enten und Gänse darin herumlaufen konnten. Außerdem waren da mehrere Schweine, vier Milchkühe und ein eigenes Pferd im Stall gestanden, welches man bei der Feldarbeit vor den Pflug oder den Feldwagen spannen konnte. Zu dieser Zeit war die Mutter viel fröhlicher und liebevoller gewesen, obwohl sie immer nur zu arbeiten schien. Aber dann war der Krieg gekommen.

Wenn man sie gefragt hätte, Ivanka hätte den genauen Tag benennen können, da der Vater weggegangen war, um für lange Zeit nicht wiederzukommen, denn da hatte sie zum ersten Mal in ihrem jungen Leben gelernt, was Verzweiflung war. Von den darauf folgenden Monaten wusste sie nur, dass sie sehr traurig und einsam gewesen waren – bis der Vater Fronturlaub bekam. Er war nur für ein paar Tage nach Hause gekommen, doch war die Mutter allein durch seine Anwesenheit ein wenig fröhlicher und umgänglicher geworden. Als er dann wieder ging, wurde sie noch trauriger als zuvor. Selbst Andrijas Geburt hatte sie nicht aus ihrer Depression reißen können. Jeder Umarmung war sie aus dem Weg gegangen, so dass es einem vorkommen wollte, als fürchte sie die Zärtlichkeiten ihrer Kinder. Stattdessen hatte sie jedes noch so kleine Vergehen mit äußerster Härte bestraft. Als dann die Nachricht gekommen war, dass der Vater nie wieder zurückkommen würde, war die Mutter untröstlich gewesen. Ivanka hatte nicht weniger geweint, als die Mutter, und hatte sich hernach noch mehr bemüht, gehorsam zu sein und zu helfen, wo immer es ging. Trotzdem war die Lage immer schlimmer geworden. An ihrem achten Geburtstag war schließlich die Großmutter aufgetaucht – zum ersten Mal in Ivankas Leben! – und hatte das große Haus von der Mutter kaufen wollen, weil ein anderer ihrer Söhne dort einziehen sollte. Es hatte einen hässlichen Streit gegeben, wonach die Großmutter wütend davon gestapft war. Aber nach ein paar Tagen hatte die Mutter ein paar Habseligkeiten auf den Feldwagen gepackt, eine Kuh hinten angebunden, das Pferd angespannt, und gesagt, sie würden jetzt zu ihrem neuen Haus, in einem anderen Dorf fahren. In Wahrheit war das „neue“ Häuschen schon uralt, völlig windschief, und bestand aus einem einzigen Raum, in dem sich fortan alles abspielte. Außerdem hatte es nur einen winzig kleinen Hof. Und im Stall war gerade nur so viel Platz, dass ein Tier darin stehen konnte. Also hatte die Mutter Wagen und Pferd weggeben, und dafür einen neuen Herd und warme Wintermäntel gekauft.

Mit einem Mal wurde Ivanka aus ihren Erinnerungen gerissen, weil sich ein anderer Körper an den ihren schmiegte. Den Arm um den Bruder legend, zog sie ihn zärtlich an sich und war ihm zutiefst dankbar für die tröstliche Wärme, die er ihr mit seiner Anwesenheit spendete. So war es, seit er auf der Welt war, erinnerte sie sich schmerzlich. Er war der einzige Mensch, der sie ohne Vorbehalte zu lieben und zu bewundern schien – so als sei sie tatsächlich etwas ganz Besonderes.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Andrija.

 „Ich weiß es nicht mein Kleiner“, murmelte sie müde. „Ich weiß es wirklich nicht.“ Zutiefst resigniert ließ sie den Jungen los, kletterte anschließend vom Holzstapel hinunter und schlenderte dann langsam zum Haus zurück. Es musste doch eine Möglichkeit geben, um die Folgen der Katastrophe ein wenig zu mildern, überlegte sie dabei. Irgendetwas musste doch zu machen sein!