Blutbande II - Bettinas Entscheidung

 

 Covertext

 

Bettina will auf keinen Fall so unselbständig und schwach sein, wie ihre Mutter. Daher beschließt sie schon sehr früh, dass sie ihr Leben in allen Dingen selbst bestimme will. Kein Mann soll je Mittelpunkt oder alleiniger Zweck ihres Daseins werden. Als sie sich jedoch mit sechzehn zum ersten Mal verliebt, geraten ihre Vorsätze kurzzeitig in Vergessenheit. Getrieben durch ihre Sehnsucht nach einem Menschen, der sie nicht nur wegen ihres guten Aussehens begehrt, sondern auch ihren Intellekt schätzt, lässt sie sich auf einen jungen Mann ein, der all ihren Erwartungen zu entsprechen scheint. Allerdings hat diese Beziehung schon bald Folgen, so dass sie sich mit der Frage auseinandersetzen muss, wie ihre Zukunft aussehen soll.

Als junge Frau Entscheidungen fällend, die ihr in der jeweiligen Situation richtig und notwendig erscheinen, muss sich Bettina später immer wieder mit den Folgen ihres Verhaltens auseinandersetzen. Dabei erkennt sie, dass das Erbe, welches sie mit ihrem Blut an ihre Nachkommen weitergibt, keineswegs gewöhnlich ist, denn ihre Kinder haben allesamt übersinnliche Fähigkeiten.

 

Taschenbuch / 420 Seiten / ISBN: 978-3-7467-18-4 

E-Book / 413 KB/ ISBN: 978-3-746719-15-3

Textauszug / Leseprobe

 

Prolog

 

Oktober 1961

 

Die Oberfläche des Sees mit den Augen absuchend, fühlte Eckhard, trotz der Wärme des Nachmittages, eine Gänsehaut an seinem Rücken hochkriechen, während er zum Ufer und dann weiter ins Wasser rannte. Er hatte den offenbar in Not geratenen Schwimmer nur durch Zufall gesehen, und wollte nun so schnell als möglich zu der Stelle gelangen, an welcher dieser versunken war. Als er schließlich den vermeintlichen Unglücksort erreichte, tauchte er umgehend ab, um sich in der Tiefe nach dem Verschwundenen umzuschauen.

Für ein oder zwei Sekunden vergeblich suchend, entdeckte Eckhard endlich die noch vollständig bekleidete, aber vollkommen bewegungslos erscheinende Mädchengestalt, die langsam Richtung Grund sank. Also packte er beherzt zu und zog sie zu sich hinauf. Nach Luft schnappend und vor Anstrengung keuchend, schleppte er anschließend die Bewusstlose zum Ufer zurück, wo er sich nur eine kurze Verschnaufpause gönnte, bevor er Wiederbelebungsmaßnahmen ergriff. Als die Verunglückte schließlich hustend und Wasser spuckend zu sich kam, richtete er sich erleichtert auf.

„Verdammt, Mädchen! Was machst du nur für Sachen?“ Es war keine wirkliche Frage, so dass er gar nicht erst auf eine Antwort wartete. „Wär’ ich nicht zufällig vorbeigekommen, du wärst jetzt wahrscheinlich schon mausetot!“

„Sie hätten mich lassen sollen, wo ich war“, brachte die Gerettete mit schmerzlich verzerrter Miene hervor, indem sie sich mühsam aufsetzte. Gleich darauf stellte sie sich mit verschämt gesenktem Blick hin und begann an ihrem nassen Kleid herum zu zupfen, damit es nicht mehr so eng auf ihrer Haut anliegen sollte, weil es ihr unendlich peinlich war, dass man jede Einzelheit ihres Körpers so deutlich sehen konnte, als wäre sie nackt.

„Was denn? Du bist doch nicht etwa …“ Jetzt zum ersten Mal bewusst ihr leichenblasses Gesicht betrachtend, erkannte er sie wieder, und fühlte sogleich sein Herz schneller schlagen. Sie hieß Maria und arbeitete seit ein paar Monaten als Dienstmädchen im Haus seines eigenen Arbeitgebers. Darüber hinaus war sie eine ganz Hübsche. Und er begehrte sie seit dem Augenblick, da sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Allerdings musste er sich mit seinen geheimen Träumen zufriedengeben, dachte er voller Bedauern, denn sie würde bestimmt keinen Mann wie ihn nehmen, weil er, außer sich selbst, nicht viel zu bieten hatte. Außerdem ging das Gerücht, sie hätte ihr Herz schon verschenkt. … Na ja, wenn man davon ausging, dass sie mit voller Absicht ins Wasser gegangen war, dann drängte sich einem schon der Verdacht auf, dass da was passiert sein musste, woran sie arg zu knabbern hatte. Was genau vorgefallen sein könnte, vermochte er nicht zu sagen. Er wusste nur, dass sie zwar ein freundliches aber auch sehr schüchternes Ding war, das bei jedem lauten Wort verschreckt zusammenfuhr.

„Es gibt nichts, was so schlimm wäre, dass man deswegen sein Leben wegwirft“, ging er nun mit sanfter Stimme auf ihre letzten Worte ein, indem er sich ebenfalls hinstellte.

Trotz ihrer eigenen Seelennot, wunderte sich die junge Frau plötzlich darüber, dass sie ihren Retter bisher völlig falsch eingeschätzt hatte. Er war so etwas wie ein Mädchen für alles, erinnerte sie sich, denn er kümmerte sich nicht nur um den großen Garten und die Autos der Herrschaften, sondern auch um die kaputten Dinge in der riesigen Stadtvilla und den dazugehörigen Nebengebäuden. Er war ein sehr ernster Mann, der sich so gut wie nie auf ein längeres Gespräch mit den anderen Angestellten einließ. Doch seine vermeintliche Überheblichkeit war offenbar nur eine vorsichtige Zurückhaltung, die ihn vor Enttäuschungen bewahren sollte! Er wohnte irgendwo in der Stadt auf Miete. Trotzdem war er immer da, wenn man ihn brauchte.

„Doch“, reagierte sie endlich auf seine Feststellung. „Manche Dummheit lässt sich nicht anders strafen.“

Darauf fand Eckhard keine Erwiderung, da er sich nicht sicher war, wie er ihre Worte verstehen sollte. Als ihm jedoch auffiel, dass sie mittlerweile am ganzen Körper zitterte, so als würde sie geschüttelt, fühlte er Mitleid und Sorge um sie. Es war bestimmt nicht nur das nasse Zeug, was sie so flattern ließ, stellte er im Stillen für sich fest. Nein, ihr Bibern kam anscheinend mehr von den Nerven.

„Ich bring dich zurück“, bot er an. „Dann kannst du …“

„Nein!“ Beide Hände abwehrend gegen ihn ausgestreckt, sah Maria ihr Gegenüber aus weit aufgerissenen Augen erschrocken an. „Nein.“ Ihr Gesicht wandelte sich zusehends zu einer gequält wirkenden Maske. „Da will ich nie mehr hin.“ Ein ums andere Mal hart schluckend, bemühte sie sich sichtlich um Haltung. Doch die feucht schimmernden dunklen Augen machten nur zu deutlich, wie nahe sie daran war, in Tränen auszubrechen.

„Dann bring ich dich zu deinen Leuten zurück“, startete er einen neuen Versuch. „Wenn du mir sagst …“

„Da kann ich nicht mehr hin.“ Sie stand jetzt mit kraftlos herabhängenden Armen da und erschien dabei so mutlos, wie ein verstoßenes Jungtier, welches nicht wusste, wie es die nächste Zeit allein überleben sollte.

„Hm.“ Er konnte sie ja schlecht einfach stehen lassen, überlegte er. So verdreht, wie sie momentan wirkte, war davon auszugehen, dass sie sich wieder in den Bodensee stürzte, sobald sie meinte, nicht mehr beobachtet zu werden. Aber das durfte er nicht zulassen, wenn er sich seinen Seelenfrieden bewahren wollte! „Wenn du willst, kannst du mit zu mir kommen.“ Die Worte waren kaum aus seinem Mund geschlüpft, da schalt er sich selbst einen Idioten. Was würde sie jetzt wohl von ihm denken? Sie musste ja glauben, er wolle die Situation für sich ausnutzen! „Ich meine … Du musst zumindest aus den nassen Sachen raus. Und ich … Ich kann dir erst mal was von mir geben, bis dein Kleid wieder trocken ist. Ich könnte auch … Du hast doch ein Zimmer im Gesindehaus, stimmt’s. Also, wenn du willst, kann ich dir deinen Kram holen, und du kannst dann dein eigenes Zeug anziehen. Na, was sagst du?“

Maria brauchte einen Moment, um den Vorschlag ihres Retters zu überdenken. Doch dann nickte sie zustimmend.

„Aber du darfst niemandem sagen, wo ich bin. Versprichst du mir das?“ Im Nachhinein war sie über sich selbst erschrocken und jetzt heilfroh, dass Eckhard ihr Tun beobachtet und sie dann vor einer Todsünde bewahrt hatte. Er war zwar kein Kirchgänger, aber er war ein guter Mensch, dem man getrost vertrauen durfte. Ja, er war bestimmt keiner von der Sorte … Nicht mehr daran denken, ermahnte sie sich. Was geschehen war, konnte man nicht mehr rückgängig machen. Sie musste vielmehr darüber nachdenken, wie es weitergehen sollte. … Sie würde Eckhards Gastfreundschaft für eine Nacht in Anspruch nehmen und dann schnellstens weiterziehen, entschied sie. Ja, sie musste fort. Am besten so weit wie nur möglich weg. Wie sie seine gute Tat vergelten sollte, wusste sie zwar noch nicht, war sich aber relativ sicher, dass ihr irgendetwas einfallen würde, sobald sie wieder klar denken konnte.

„Na dann.“ Eckhard wollte nicht mehr länger schweigend dastehen und tatenlos zusehen, wie sie fror. „In fünf Minuten können wir bei mir sein.“ Er nickte in die Richtung, wo sein Fahrrad im Gras lag, und fasste dann vorsichtig nach ihrem Ellenbogen, um sie sanft aber bestimmt mit sich zu ziehen. Vielleicht …. Möglicherweise ließ sie sich doch dazu bewegen, ihm eine Chance zu geben, dachte er hoffnungsvoll. Sie musste ja nicht gleich in sein Bett hüpfen. Es würde ihm vollkommen ausreichen, wenn sie ihn vorerst nur als Freund betrachtete, dem sie nicht nur ihren Kummer, sondern auch sich selbst anvertraute, damit er sie vor allem Bösen schützen konnte.

„Was hältst du davon, wenn wir zusammen weggehen?“, fragte er, sobald sie bei seinem Gefährt anlangten. „Ich wollte ja schon immer in den Norden, weißt du.“ Eine Lüge, ja, gestand er sich ein. Die Idee war ihm nämlich gerade erst gekommen. Aber das war wahrscheinlich die beste Lösung für sie beide. Sie würde leichter vergessen können, wenn sie den Grund für ihren Kummer weit hinter sich ließ. Und er … Na ja, ohne sie wollte er auch nicht mehr dableiben.

„Norden?“ Im Geiste prüfte Maria kurz das Für und Wider seines Vorschlages und nickte dann. „Ja, Norden wäre gut. Das ist bestimmt weit genug weg.“

 

1

 

April, 1977

 

Vergleichbar mit einem Wirbelwind, der weder Rast noch Ziel kannte, tobte der kleine Junge durch die Küche, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass er seiner Mutter im Weg war, die gerade das Abendessen zubereitete. Selbst als man ihn mit strenger Miene ermahnte, er solle anderswo spielen, gehorchte er nicht. Stattdessen hopste er wie ein Gummiball um den Stuhl seiner Schwester herum, die am Küchentisch sitzend ihre Schularbeiten machte.

„Ich bin ein Frosch“, verkündete er, indem er das Mädchen immer wieder anrempelte. „Und du bist ein Storch, der mich fangen muss!“

Die Angesprochene schien weder die Anwesenheit des Bruders wahrzunehmen, noch dessen Worte zu hören. Die Lippen fest aufeinandergepresst, beugte sie sich noch ein wenig tiefer über das Schulheft und schrieb dabei weiter.

„Anni!“ Die Ungeduld des Fünfjährigen nahm sichtlich zu. „Komm schon, du musst mich fangen!“

„Lass mich zufrieden“, brummte sie ärgerlich. „Siehst du denn nicht, dass ich beschäftigt bin?“ Die Hand des Kleinen abschüttelnd, die nach wie vor an ihrer Bluse zerrte, sah sie ihn das Gesicht verziehen, so als wolle er jeden Moment anfangen zu weinen, dachte jedoch nicht im Traum daran, seinem Wunsch nachzukommen.

„Antonia, hast du nicht verstanden, was er will?“, ertönte es mit einem Mal in ihrem Rücken.

Bettina hasste es, wenn man sie mit ihrem ersten Vornamen rief, denn sie fand ihn altmodisch und zudem auch noch total blöd. Aber das war nicht der alleinige Grund, der sie ungehalten den Kopf heben ließ. Die vorwurfsvoll und zugleich auch angriffslustig klingende Frage ihres Vaters hatte nun auch noch den letzten Rest ihrer Konzentration zunichtegemacht. Jetzt musste sie die Erledigung ihrer Hausaufgaben auf den späten Abend verschieben, stellte sie verärgert fest, denn erst dann würde sie wieder genügend Ruhe dafür haben. Sie hatte schon eine unwirsche Erwiderung auf der Zunge, blieb aber stumm, wohl wissend, dass allein ihr Aufbegehren reichen würde, um einen völlig unsinnigen Streit auszulösen. Also klappte sie das Schulbuch und das Heft zu, und raffte anschließend alles zusammen, um es in ihre Schultasche zu schieben.

„Guck nicht so beleidigt“, beschied ihr der Vater kalt, indem er sich selbst am Küchentisch niederließ, um eine Zeitung darauf auszubreiten. „Dein Schreibkram kann warten. Aber der Junge braucht jetzt Beschäftigung. Du siehst doch, dass deine Mutter keine Zeit für ihn hat!“

„Warum spielst du nicht ein wenig mit ihm?“ Obwohl ihr bewusst war, dass sie sich besser zurückgehalten hätte, war es der Zurechtgewiesenen nicht gelungen, sich zu beherrschen, denn die jäh aufgeflammte Wut in ihrem Inneren brauchte ein Ventil. Dass ihr Vater daraufhin aufsprang, so als wolle er sich jeden Moment auf sie stürzen, um sie für ihre Frechheit zu strafen, beeindruckte sie aber ebenso wenig, wie die dunkle Zornesröte auf seinen Wangen. Sie war sich nämlich absolut sicher, dass er sie diesmal nicht anrühren würde, denn sie war fest entschlossen, ihn gar nicht erst an sich herankommen zu lassen. Den Küchentisch vor sich, der eine schützende Barriere zwischen ihr und dem wütenden Mann war, stand sie so aufrecht da, als hätte sie einen Besenstiel verschluckt. Dabei sah sie ihr Gegenüber zwischen zusammengekniffenen Lidern wachsam an.

„Du …“ Der Mittfünfziger machte den Eindruck, als wolle er jeden Moment explodieren.

„Was denn?“, tat Bettina erstaunt. „Ich hab’ doch nur wissen wollen, warum du dich nicht selbst um deinen Sohn kümmerst, wo er doch dein Liebling ist.“ Sie war keine Zehnjährige mehr, die er durch sein Geschrei erschrecken, oder die er verprügeln konnte, wann immer er meinte, seine schlechte Laune an ihr auslassen zu können, grollte sie im Stillen. Sie war mittlerweile größer als er. Und sie war vermutlich auch stark genug, um ihn notfalls abzuwehren. Außerdem war sie flinker, so dass er sie kaum zu fassen kriegen würde, wenn sie an ihm vorbeihuschte.

„Warte nur“, drohte er. „Deine Frechheit wird noch ein Nachspiel haben!“

„Hört auf zu zanken“, mischte sich endlich ihre Mutter ein, die bisher so getan hatte, als höre und sehe sie nichts von dem Disput. „Tu was dein Vater dir gesagt hat“, wandte sie sich dann direkt an ihre Tochter. „Es dauert ohnehin nicht mehr lange, bis das Essen fertig ist. Außerdem brauche ich den Tisch gleich, damit ich aufdecken kann.“

Bettina nickte bloß, während sie gleichzeitig die Schultasche aufnahm. Anschließend packte sie ihren Bruder im Nacken, um ihn sogleich aus der Küche zu dirigieren. In ihrem Inneren brannte zwar immer noch eine mordsmäßige Wut, doch ließ sie sich davon nichts anmerken. Mit energischen Schritten zu dem winzigen Raum strebend, den sie sich mit dem kleinen Bruder teilen musste, und der gerade mal Platz für ein Etagenbett sowie einen Kleiderschrank bot, zählte sie lautlos vor sich hin, bis sie am Ziel anlangte.

„Zum Toben ist es hier zu eng. Darum werde ich dir jetzt etwas vorlesen.“ Im Grunde hatte sie nicht die geringste Lust, sich mit dem Knirps zu befassen. Da sie jedoch davon ausging, dass ihre Unterhalterrolle ohnehin bald durch das Abendessen beendet werden würde, griff sie nach einem Märchenbuch, um es sogleich aufzuschlagen.

 

 

Die fünfzehnjährige Tochter des Ehepaares Römer wirkte auf den ersten Blick wie eine erwachsene Frau, denn sie war hochgewachsen und besaß schon einen voll entwickelten Körper. Sie war das erste Kind ihrer Eltern, ähnelte aber weder Mutter noch Vater, die beide braunäugig und dunkelhaarig waren. In dem strahlenden Grün ihrer Augen blitzten goldene Funken. Und ihr glänzendes, weizenblondes Haar umrahmte ein apart geformtes Oval. Es hieß, ihr Aussehen sei das Erbe ihrer Großmutter mütterlicherseits. Nachprüfen konnte man diese Erklärung aber nicht, weil keine Fotos oder sonstige Abbildungen von dieser Vorfahrin existierten. Allerdings fanden sich im Hause Römer ohnehin nicht viele Erinnerungen an die Vergangenheit, sah man einmal von dem Hochzeitsfoto der Eltern und einigen wenigen Aufnahmen von den beiden Kindern ab.