Blutbande I - Fabians Weg

                                                                      Covertext

 

Dass er gleich nach seiner Geburt zur Adoption freigegeben wurde, trifft den vierzehnjährigen Fabian wie ein vernichtender Schlag. Auf seiner nachfolgenden Suche nach seinen wahren Wurzeln, die er mehr oder weniger bewusst betreibt, stößt er durch Zufall auf ein kleines Mädchen, welches behauptet, seine Schwester zu sein. Weil er jedoch davon ausgeht, dass Pias Aussage allein ihrer blühenden Phantasie zu verdanken ist, will er ihre Eröffnung zunächst nicht glauben. Doch schon bald erkennt er, dass die Kleine tatsächlich verborgene Zusammenhänge erspüren, die Gedanken ihrer Mitmenschen entschlüsseln und anhand von Visionen zukünftige Ereignisse voraussagen kann. Als er schließlich feststellt, dass sich einige ihrer übersinnlichen Fähigkeiten auch bei ihm finden lassen, akzeptiert er, dass in ihren Adern durchaus das gleiche Blut fließen könnte.

Auf seinem Weg vom Teenager zum erwachsenen, fest im Leben stehenden Mann, muss Fabian hinnehmen, dass ihm ein höchst launisches Schicksal allerlei Schwierigkeiten vor die Füße wirft. Allerdings stehen ihm dabei nicht nur Menschen zur Seite, die es gut mit ihm meinen, sondern auch ein wohlwollender Meister Zufall.

 

Taschenbuch / 404 Seiten / ISBN 978-3-746720-95-1

E-Book / Umfang: 397 KB / ISBN 978-3-746719-21-4

Textauszug / Leseprobe

 

 

1

 

Das Sprechzimmer der Ärztin war mit hellen Möbeln und farbenfrohen Vorhängen ausgestattet, was eine entspannend wirkende Atmosphäre schuf. Dennoch fühlte sich das Ehepaar, welches schweigend vor dem Schreibtisch saß und auf die Ergebnisse der Untersuchung wartete, sichtlich unbehaglich.

Elisa Andersen war eine geschmackvoll gekleidete, zierliche Frau. Ihr brünettes, schulterlanges Haar umrahmte in sanft schimmernden Wellen ein kleines herzförmiges Gesicht, das von großen braunen Augen und einem sinnlichen Mund beherrscht wurde. Sie war sehr nervös, was sich nicht nur an ihrer angespannten Sitzposition, sondern auch an ihren Fingern zeigte, die ein ums andere Mal ein Papiertaschentuch zusammenfalteten, nur um es im nächsten Moment wieder auseinander zu nehmen. Karl Andersen hingegen war ein stämmiger, rotblonder Endvierziger von hohem Wuchs. An seinen Schläfen und im dicht wachsenden Schnurrbart zeigten sich erste Silberfäden. Auf seiner Stirn und um die grauen Augen hatten sich tiefe Falten in die helle Haut gegraben, welche davon zeugten, dass er meist mit verkniffener Miene herumlief. Der dunkle Maßanzug, das weiße Hemd und die ordentlich gebundene Krawatte saßen tadellos. Allerdings schien ihm der Schlips zu eng zu sein, denn er hob immer wieder seine Rechte, um den Knoten ein wenig von seiner Kehle wegzuziehen.

Den Blick stur auf einen Punkt an der gegenüber liegenden Wand richtend, biss Karl die Zähne so fest zusammen, dass seine Kieferknochen deutlich hervortraten. Er war jetzt schon zwölf Jahre verheiratet, konnte aber nach wie vor keinen Stammhalter vorweisen, dachte er gereizt. Mittlerweile war seine Frau von allen möglichen Ärzten untersucht worden, immer mit dem Ergebnis, dass mit ihr alles in bester Ordnung war. Doch statt froh zu sein, dass ihr nichts fehlte, und darauf zu vertrauen, dass es mit der Schwangerschaft irgendwann doch noch klappen würde, war sie nicht müde geworden, ihm einzureden, dass er sich ebenfalls untersuchen lassen müsse. Ihr liefe die Zeit davon, hatte sie immer wieder betont, was er für absolut albern hielt, da sie ja erst dreißig Jahre alt war. Dennoch hatte er schließlich eingewilligt, dass seine Zeugungsfähigkeit von fachkundigen Leuten bestätigt werden sollte, damit sie endlich Ruhe gab. Und nun war endlich der Tag gekommen, wo sie es schwarz auf weiß zu sehen bekommen würde!

Als die Tür aufging und die Ärztin hereinkam, straffte sich der große Mann noch ein wenig mehr. Seine Begleiterin schien indes noch kleiner zu werden, während ihr Blick wie gebannt an der Medizinerin hing, die sich nun mit ernstem Gesicht hinter ihren Schreibtisch setzte.

„Ich habe leider schlechte Nachrichten“, begann Doktor Wießner. „Die Untersuchungsergebnisse haben bestätigt, dass Sie, Herr Andersen, weder auf natürlichem Wege noch mit medizinischer Unterstützung Kinder zeugen können.“

Karl fühlte seine Hände kaum noch, so kalt waren sie mit einem Mal. Also doch nicht so abwegig, wie er bisher hatte glauben wollen, dachte er schockiert. Seine Männlichkeit brachte tatsächlich nichts Vernünftiges hervor – mal ganz abgesehen von einem enormen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit.

„Aber …“ Er schluckte hart, bevor er weitersprach: „Wie kann das sein?“

„Ich hatte ja schon bei unserem ersten Gespräch gesagt, dass es viele Ursachen für eine Sterilität bei Männern gibt“, antwortete die Ärztin ruhig. „Die bekannteste dürfte eine Mumps-Erkrankung im Erwachsenenalter sein. …“

Während Doktor Wießner weitere in Frage kommende Ursachen aufzählte, hörte Karl schon gar nicht mehr hin, denn er war nun im Geiste damit beschäftigt, herauszufinden, wann er das letzte Mal krank gewesen war. Da ihm diesbezüglich aber nichts einfallen wollte – er war schon immer hart im Nehmen und noch nie ein Jammerlappen gewesen! – fühlte er wütende Frustration in sich aufsteigen. Er hatte sich aus eigener Kraft vom Sohn eines Handwerkers aus ärmlichsten Verhältnissen zu einem Unternehmer hochgearbeitet, der voller Stolz auf das Erreichte zurückblicken konnte, erinnerte er sich. Die Vor­stellung, dass sein europaweit bekannter Maschinenbau-Betrieb später von seinem eigenen Sohn übernommen und weitergeführt werden würde, hatte ihn dabei stets vorangetrieben. Aber jetzt … Sollte wirklich alles umsonst gewesen sein? Würde sein Lebenswerk am Ende von einem Fremden übernommen werden, der sich ins gemachte Nest setzte ohne je etwas für sein Glück getan zu haben? Hatte er etwa dafür wie ein Verrückter geschuftet?

„Sie sagen also, es gibt Krankheiten, die dazu führen können, dass ein Mann nicht mehr ganz Mann ist?“ Seine sonst ziemlich laut und befehlsgewohnt klingende Stimme drohte jeden Moment zu versagen. „Und es gibt keine Möglichkeit …“ Er schluckte wiederholt, was deutlich machte, wie schwer es ihm fiel, die richtigen Worte zu finden. „Ich meine … Die Medizin macht doch heutzutage fast alles möglich.“

„Nein, in Ihrem Fall gibt es derzeit keine Behandlungsmethode, die wirklich Erfolg versprechend wäre.“ Die Ärztin ließ ein bedauerndes Lächeln sehen. „Es tut mir leid.“

Karl nickte nur. Einen kurzen Blick in die Richtung seiner Frau werfend, stand er gleichzeitig auf und ging zum Fenster hinüber, um stumm hinaus zu starren. Aus, dachte er immerfort. Der Traum von einem Stammhalter war nun endgültig ausgeträumt.

Elisa saß unterdessen wie versteinert da. Eigentlich hätte sie jetzt erleichtert sein sollen, dachte sie, denn sie musste nicht länger die Schuld bei sich selbst suchen. Trotzdem bereute sie nun, ihren Mann zu dieser unseligen Untersuchung gedrängt zu haben, weil sie wusste, dass die Kenntnis um seine intimste Schwäche ihn von nun an Tag und Nacht verfolgen würde, ohne dass er etwas dagegen unternehmen konnte. Sie wusste auch, er würde ihr nicht verzeihen, dass sie die treibende Kraft gewesen war, die seine Schmach ans Tageslicht gezerrt hatte. Nein, er würde nichts sagen. Aber sie würde es zu spüren bekommen!

Sie war kaum beim letzten Gedanken angekommen, da fühlte die kleine Frau eine leichte Gereiztheit in sich aufsteigen, die mit einer gewissen Befriedigung einherging. Karl würde aufgrund seiner Zeugungsunfähigkeit sicher keine Minderwertigkeitskomplexe bekommen oder gar aus Kummer darüber sterben! Aber sie hatte jetzt endlich Klarheit und konnte daher ihre eigene Hoffnung endgültig aufgeben. Es tat zwar weh, zu wissen, dass sie nie ein eigenes Kind haben würde, doch verzweifeln würde sie darüber nicht. Schließlich drehte sich das Leben einer Frau nicht mehr bloß um Kind, Küche und Kirche. Würde sie sich halt mehr ihren Hobbys und ihren Freundinnen widmen, um ihre Zeit sinnvoll auszufüllen, während er seinen Geschäften nachging.

„Ich danke Ihnen für alles.“ Das Gesicht der Ärztin fixierend, stand Elisa nun ebenfalls auf und lächelte dabei gezwungen. „Auf Wiedersehen.“

Doktor Wießner erhob sich, mit der Absicht, ihre Besucher zu verabschieden. Doch hatte sie kaum Elisas Hand erfasst, da fiel ihr ohne jeden Übergang die junge Frau ein, die kurz vor dem Ehepaar bei ihr gewesen war. Die Welt war doch wirklich verrückt, schoss es ihr daraufhin durch den Sinn. Hier verzehrte sich ein Paar nach einem Kind, konnte aber keines bekommen. Die Sechszehnjährige bekam eines, wollte es aber nicht haben. Wie ungerecht doch das Leben war! Andererseits konnte man dem Schicksal bestimmt ein Schnippchen schlagen, nicht wahr.

„Sie wissen, dass heutzutage eine Schwangerschaft trotz Sterilität des Partners möglich ist“, begann sie vorsichtig.

Auf Elisas Gesicht machte sich eine verwirrt anmutende Miene breit, während sie ihr Gegenüber mit großen Augen ansah.

„Wie meinen Sie das?“, wollte sie wissen.

„Eine Sperma-Spende könnte helfen“, begann Doktor Wießner zu erklären. „Es haben schon viele Paare auf diese Weise …“

„Nein!“ Karl war schon bei den ersten Worten der Medizinerin wie unter einem Schlag zusammengefahren und kam nun mit langen Schritten zum Schreibtisch zurück, um seine Frau am Arm zu fassen und mit einer besitzergreifenden Geste an sich zu ziehen. „So etwas kommt überhaupt nicht infrage! Das wäre ja … Für mich wäre das Ehebruch!“ Elisa gehörte ihm allein! Wenn sie nicht seine Kinder gebären konnte, sollte sie überhaupt keines haben. Niemals würde er zulassen, dass der Samen eines anderen Mannes in ihr Wurzeln fasste und heranwuchs. Schon die Vorstellung, dass das Kind in ihrem Körper nicht seines wäre, war grauenhaft!

Die Ärztin runzelte kurz die Stirn und nickte dann, so als wolle sie sich selbst etwas bestätigen. Er war eine ziemlich egoistische und zudem äußerst dominante Persönlichkeit, stellte sie im Stillen für sich fest. Selbst das Wissen, dass der größte Wunsch seiner Frau niemals in Erfüllung gehen würde, wenn er nicht nachgab, ließ ihn nicht von seinem Standpunkt abweichen. Was seine Partnerin in diesem Moment dachte, oder wie sie sich fühlte, schien im völlig gleichgültig zu sein. ... Nun ja…Vielleicht gab es doch noch eine Chance für ihre liebenswerte Patientin.

„Es gäbe da auch noch die Möglichkeit einer Adoption“, sagte sie mit ruhiger Stimme. „Haben Sie schon einmal daran gedacht, ein Kind zu adoptieren?“ Weil nun in beiden Augenpaaren ihrer Besucher leises Interesse aufglomm, fühlte sie sich in ihrem Vorgehen bestätigt. „Was auch immer Sie jetzt tun“, fuhr sie fort, „bedenken Sie auch diese Möglichkeit. Es gibt so viele Kinder, die ohne Eltern aufwachsen müssen. Da ist man froh um jedes, das in eine intakte Familie aufgenommen wird.“

 

„Was für eine verrückte Idee.“ Karl hatte den Vorschlag der Ärztin unkommentiert gelassen und sich stattdessen sehr kurz angebunden verabschiedet. Doch jetzt, auf dem Weg zur Praxis hinaus, begann er den Gedanken in einem anderen Licht zu sehen. Er erwägte nun tatsächlich das Für und Wider, und kam sehr bald zu einem Entschluss. Ja, so würde es gehen, dachte er euphorisch. Seine Frau würde ein Baby haben können, ohne dass sie durch einen anderen Mann besudelt wurde. Und er würde endlich eine vollständige Familie erhalten!

„Aber es würde ein völlig fremdes Kind sein“, versuchte Elisa einzuwenden. Als sie jedoch die Vorfreude und die Entschlossenheit im Gesicht ihres Mannes registrierte, war sie froh, ihren Widerspruch so leise vorgebracht zu haben, dass er ihn gar nicht erst gehört zu haben schien. Er meinte es ja nur gut, ermahnte sie sich selbst. Außerdem … Vielleicht wurde ja gar nichts daraus.

 

*

 

Mehrere Wochen vergingen, in welchen Karl Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um als Adoptivvater anerkannt zu werden, und dabei Stück für Stück seinem Ziel näher rückte. Elisa indes verfolgte seine Bemühungen mit ängstlicher Zurückhaltung und war dabei innerlich so angespannt, dass sie bald meinte, jeden Moment in tausend Stücke zerbrechen zu müssen. Zum einen wünschte sie sich, man möge ihr die ganze Sache ersparen, indem man den Antrag einfach ablehnte, weil sie sich einfach nicht vorstellen konnte, ein fremdes Kind wie ihr eigenes lieben und umsorgen zu können. Andererseits fürchtete sie eine negative Entscheidung von Seiten der Behörden, weil ihr damit auch die Möglichkeit genommen würde, endlich Mutter sein zu dürfen. Am Ende gab sie es auf, ständig darüber zu grübeln, was werden würde, denn es blieb ihr ohnehin keine Wahl. Karl hatte entschieden, dass er unbedingt einen Sohn haben musste, also würde er seinen Willen auch bekommen – so wie immer.

Um sich abzulenken, kramte Elisa ihre Staffelei hervor und begann wieder zu malen. Was Jahre zuvor als natürliches Talent entdeckt und dann in entsprechenden Kursen an der Volkshochschule zu einem handwerklich sicheren Können ausgebildet worden war, war zu einem Hobby geworden, allein dazu bestimmt, ein schöner Zeitvertreib zu sein. Doch jetzt entwickelte es sich zu einer Tage füllenden Tätigkeit. Und weil sie in relativ kurzer Zeit mehrere hochwertige Leinwände und diverse Malutensilien kaufte, zog sie die Aufmerksamkeit des Geschäftsinhabers auf sich, der neben seinem Laden auch eine kleine Galerie besaß. Und so fanden vier von ihren Werken ihren Weg in dessen Ausstellung, um kurz darauf einem neuen Besitzer übergeben zu werden. Dass sie dabei einen erstaunlich hohen Preis erzielten, verwunderte Elisa genauso sehr, wie die Tatsache, dass man baldmöglichst noch mehr Bilder von ihr haben wollte.

 

*

 

Es war ein Tag vor Elisas einunddreißigsten Geburtstag, da kam Karl freudestrahlend nach Hause und verkündete voller Stolz, sie seien nun als Adoptiveltern anerkannt und stünden ab sofort auf der Warteliste für einen Säugling.

Elisa war immer noch hin und her gerissen, und wusste daher nicht so recht, sollte sie sich mit ihrem Mann über den Erfolg seiner Hartnäckigkeit freuen, oder doch Angst vor der Zukunft und dem fremden Wesen haben, welches man ihr früher oder später anvertrauen würde. Am Ende schalt sie sich eine Närrin, weil sie sich von ihrer eigenen Furcht lähmen ließ, und stürzte sich dann in hektische Aktivitäten, wohl wissend, dass sie nur auf diese Weise die Nerv tötende Wartezeit überstehen würde. Karl hatte zwar entschieden, in welchem Raum des großen Hauses das Kind sein Reich haben sollte. Allerdings war noch nichts vorbereitet. Und so kümmerte sie sich zunächst darum, dass das künftige Kinderzimmer in freundlichen Farben gestrichen und mit passenden Gardinen ausgestattet wurde. Danach bestellte sie die notwendigen Möbel, kaufte Babykleidung in verschiedenen Größen und meldete sich schließlich zu einem Säuglings-Pflegekurs an.

 

*

 

Am zehnten Mai des Jahres Neunzehnhundertneunundsiebzig, also fünf Monate nach dem Besuch bei Elisas Ärztin, bestellte man das Ehepaar Andersen in die gynäkologische Abteilung des Hamburger Stadtkrankenhauses. Sie waren kaum da, da legte man Elisa ein Bündel in die Arme, welches ausschließlich aus einer flauschigen Decke zu bestehen schien. Bei näherem Hinsehen wurde dann ein rosiges Säuglingsgesicht sichtbar, das sich im Schlaf entspannt hatte.

Die kleine Frau war vom ersten Augenblick an überzeugt, nie etwas Liebreizenderes gesehen zu haben. Sie war in der Tat dermaßen fasziniert von dem engelsgleichen Babyantlitz, welches von einem dichten Schopf seidig glänzender heller Haare umgeben war, dass sie alles andere um sich herum vergaß. Die winzige Stupsnase und die hellen Augenbrauen betrachtend, bewunderte sie für einen Moment die ungewöhnlich langen Wimpern des schlafenden Jungen, und war dann wie verzaubert von dem feinen Lächeln, das plötzlich auf seinen Lippen lag. Wunderschön, dachte sie ein ums andere Mal. Ein Baby, wie aus einem Bilderbuch. Und doch … Sie war sich immer noch nicht ganz sicher, ob sie es auch so lieben konnte, wie sie eigentlich wollte. Es war immer noch das Kind einer anderen! Würde sie dieses Wissen je verdrängen oder gar vergessen können, fragte sie sich voller Selbstzweifel.

Karl ahnte nichts von den Ängsten, mit welchen sich seine Frau plagte. Aber, selbst wenn er davon gewusst hätte, wäre seine einzige Reaktion darauf ein ungeduldiges Abwinken gewesen. Er schaute daher zufrieden lächelnd auf seine Frau hinunter, und genoss das Gefühl tiefster Genugtuung, welches sein gesamtes Bewusstsein erfüllte. Geschafft, dachte er. Eiserner Wille und unermüdliche Ausdauer zahlten sich eben immer aus!

 

*

 

Der hohe schrille Schrei endete in einem jämmerlichen Wei­nen, was Elisa sofort aus dem Bett trieb. Leise, um ihren nach wie vor laut schnarchenden Mann nicht zu wecken, schlich sie auf Zehenspitzen zum Ausgang. Gleich darauf verließ sie das Schlafzimmer und zog am Ende behutsam die Tür hinter sich zu. Während sie ein paar Sekunden später das Kinderzimmer betrat, knipste sie gleichzeitig die Deckenbeleuchtung an und eilte dann mit schnellen Schritten zu dem Kinderbett, um den kleinen Jungen herauszuheben.

Fabian war mittlerweile zehn Monate alt und hatte die größten Schwierigkeiten mit den Zähnen, die immer im Viererpack durchzustoßen schienen. Aufgrund der damit einhergehenden Schmerzen biss er in alles hinein, was er gerade erreichen konnte, weil dies kurzzeitig ein wenig Linderung brachte. Und so kam es, dass Elisas Hand, die eigentlich auf seine Wange gelegt worden war, um ihn beruhigend zu streicheln, zum Ziel der kleinen spitzen Schneidezähnchen wurde. Als sie daraufhin einen unterdrückten aber dennoch hörbaren Schmerzlaut ausstieß, ließ er sofort wieder los. Die Augen vor Schreck weit aufgerissen und angefüllt mit Tränen, starrte er atemlos zu ihr hinauf. Dann hob er eine Hand und patschte unbeholfen in ihr Gesicht, um es anschließend mit unsicheren Bewegungen zu streicheln.

„Ma?“ Weil sie nicht gleich reagierte, versuchte es der Kleine noch einmal: „Mam … Ma?“

Elisa meinte plötzlich, sie würde von einer alles überspülenden Woge liebevoller Zärtlichkeit überrollt, und hielt unwillkürlich die Luft an. Ihr Herz schlug ihr mit einem Mal in harten schnellen Stößen bis zur Kehle hinauf, so dass sie fürchtete, es würde jeden Moment aus ihrer Brust springen. Es war nicht mehr wichtig, dass sie nach mehreren Nächten ohne ausreichenden Schlaf völlig übermüdet und so ziemlich am Ende ihrer Kräfte war. Was in diesem einzigartigen Moment zählte, war allein die Wärme des kindlichen Körpers, der in ihren Armen lag, und das Gefühl tiefer Verbundenheit mit dem Jungen. In diesem Augenblick vergaß sie alle Vorbehalte, die sie insgeheim noch gegen das Kind einer anderen gehegt hatte. Auch verdrängte sie nun vollends, dass es nicht ihr eigen Fleisch und Blut war. Stattdessen fühlte sie nur noch tiefe, bedingungslose Liebe für den Winzling, der sie aus großen, grünen Kulleraugen ansah, und der sie für seine Mutter, also den Fixstern seines Universums hielt.

 

„Schon gut, mein kleiner Liebling“, hauchte sie leise. „Es ist alles gut. Mama ist ja da.“